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Johannes von Damaskus († 750) - Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens (Expositio fidei)
Viertes Buch

XXII. KAPITEL. Vom Gesetz Gottes und Gesetz der Sünde.

Gut, übergut ist das göttliche Wesen und sein Wille. Denn was Gott will, das ist gut. Gesetz aber ist das Gebot, das dies lehrt, damit wir darin verharren und so im Lichte seien 1. Die Übertretung dieses Gebotes ist Sünde. Diese aber kommt durch den Angriff des Teufels [S. 247] und unsere ungezwungene, freiwillige Zustimmung zustande. Auch diese heißt Gesetz 2.

„Das Gesetz Gottes 3“, das in unserer Vernunft waltet, zieht diese an sich und stachelt unser Gewissen auf. Es heißt auch unser Gewissen Gesetz unserer Vernunft 4. Und der Angriff „des Bösen 5“ (═ des Teufels) ist das Gesetz der Sünde, das in den Gliedern unseres Fleisches waltet 6. Es greift durch dasselbe (═ das Fleisch) uns an. Denn nachdem wir einmal freiwillig „das Gesetz Gottes“ übertraten und dem Angriff „des Bösen“ zustimmten, gewährten wir ihm Zugang, wir verkauften uns selbst an die Sünde 7. Deshalb wird unser Leib leicht zu ihr hingezogen. Es heißt also auch der Geruch und die Empfindung der Sünde, die sich in unserem Leibe befinden, d. h. die Begierde und Lust des Leibes 8, Gesetz in den Gliedern unseres Fleisches 9.

„Das Gesetz meiner Vernunft 10“ oder das Gewissen freut sich an dem Gesetze oder Gebote Gottes 11 und will dieses. „Das Gesetz der Sünde“ aber oder der Angriff durch „das Gesetz in den Gliedern“ oder durch die Begierde und Neigung und Bewegung des Leibes und des unvernünftigen Teiles der Seele widerstreitet dem Gesetz meiner Vernunft, d. i. dem Gewissen, und nimmt mich gefangen 12 infolge der Vermischung [der Seele mit dem Leibe], auch wenn ich „das Gesetz Gottes“ will und liebe und die Sünde nicht will, und verführt mich, wie gesagt, durch die Lockung der Lust und die Begier des Leibes und des unvernünftigen Teiles der Seele, und beredet mich, der Sünde zu dienen. Aber „was dem Fleisch unmöglich war, weil es durch das Fleisch unvermögend war, das hat Gott getan: Er sandte seinen Sohn in Gestalt des Sündenfleisches“ — Fleisch nahm er an, Sünde aber keineswegs — „und verdammte die Sünde [S. 248] im Fleische, damit die Forderungen des Gesetzes in denen erfüllt werden, die nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geiste 13.“ Denn „der Geist hift unserer Schwäche auf 14“ und verleiht dem „Gesetz unserer Vernunft“ Kraft gegen „das Gesetz in unsern Gliedern“. Denn: „Um was wir bitten sollen, so wie es sich ziemt, wissen wir nicht, aber der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern 15“, d. h. er lehrt uns, um was wir bitten sollen. Darum ist es unmöglich, anders als durch Geduld und Gebet die Gebote des Herrn zu erfüllen.

1: Vgl. 1 Joh. 1, 7.
2: Röm. 7, 23.
3: Ebd. [ Röm.] 7, 25.
4: Vgl. ebd. [Röm.] 7, 23.
5: Matth. 5, 37; 13, 19. 38; Joh. 17, 15; 1 Joh. 2, 13 f.; 3, 12; 5, 18 f.; Eph. 6, 16.
6: Röm. 7, 23.
7: Vgl. ebd [Röm.] 7, 14.
8: Vgl. ebd. [Röm.] 6, 12.
9: Vgl. ebd. [Röm.] 7, 23.
10: Ebd. [Röm. 7, 23].
11: Ebd. [Röm.] 7, 22.
12: Ebd. [Röm.] 7, 23.
13: Röm. 8, 3 f.
14: Ebd. [Röm.] 8, 26.
15: Ebd. [Röm.] 8, 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger