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Johannes von Damaskus († 750) - Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens (Expositio fidei)
Viertes Buch

XX. KAPITEL. Es gibt nicht zwei Prinzipe.

1 Daß es nicht zwei Prinzipe, ein gutes und ein böses, gibt, werden wir daraus (═ aus dieser Abhandlung) erkennen. Denn das Gute und das Böse sind einander entgegengesetzt und zerstören sich gegenseitig und können nicht ineinander oder miteinander bestehen. Jedes von diesen wird also in einem Teile des Alls sein. Und fürs erste werden sie nicht bloß vom All umschrieben werden, sondern jedes davon wird auch von einem Teil des Alls [umschrieben werden].

Sodann: Wer hat einem jeden seinen Platz angewiesen? Denn man wird nicht sagen, sie hätten sich miteinander vertragen und verglichen, da das Böse nicht böse ist, wenn es Frieden hält und sich mit dem Guten vergleicht, und das Gute nicht gut, wenn es sich freundlich zum Bösen verhält. Ist es jedoch ein anderer, der jedem von diesen seinen Aufenthalt angewiesen, so wird vielmehr dieser Gott sein.

Es ist aber auch eins von beiden notwendig: Entweder berühren und zerstören sie sich gegenseitig, oder es gibt ein Mittleres, worin weder Gutes noch Böses sein wird, das wie eine Scheidewand beide voneinander trennt. Und dann werden es nicht mehr zwei, sondern drei Prinzipe sein.

Es ist aber auch das eine oder andere von folgendem notwendig: Entweder halten sie Frieden — doch dies kann das Böse nicht, denn was Frieden hält, ist nicht bös — oder sie kämpfen. Allein dies kann das [S. 245] Gute nicht, denn was kämpft, ist nicht vollkommen gut. Oder das Böse kämpft, das Gute aber kämpft nicht dagegen, sondern wird vom Bösen zerstört oder immerfort mißhelligt und mißhandelt, was wahrlich kein Merkmal des Guten ist. Es existiert also ein Prinzip, das von allem Bösen frei ist.

Aber, sagen sie, wenn dem so ist, woher das Böse? Denn unmöglich hat das Böse vom Guten seinen Ursprung. Wir sagen: Das Böse ist nichts anderes als Beraubung des Guten, Abkehr vom Naturgemäßen und Hinkehr zum Naturwidrigen. Denn nichts ist von Natur aus böse. Alles, was Gott gemacht, ist ja sehr gut 2, sofern es geschaffen ist. Bleibt es also, wie es geschaffen ist, so ist es sehr gut. Tritt es aber freiwillig aus dem Naturgemäßen heraus und geht es zum Naturwidrigen über, so wird es böse.

Naturgemäß ist alles dem Schöpfer untertan und gehorsam. Wenn also eines der Geschöpfe freiwillig die Zügel abstreift und seinem Schöpfer ungehorsam wird, so begründet es in sich selbst das Böse. Denn das Böse ist keine Wesenheit noch Eigentümlichkeit einer Wesenheit, sondern etwas Hinzukommendes (═ ein Akzidens), d. h. die freiwillige Abkehr vom Naturgemäßen und Hinkehr zum Naturwidrigen, was eben Sünde ist.

Woher also die Sünde? Sie ist eine Erfindung der freien Entschließung des Teufels. Ist also der Teufel bös? Sofern er geschaffen ist, ist er nicht bös, sondern gut. Denn als lichter, hellstrahlender Engel ward er vom Schöpfer geschaffen, selbstmächtig, da vernünftig. Freiwillig machte er sich von der naturgemäßen Tugend los, er geriet in die Finsternis der Bosheit, nachdem er sich von Gott, dem allein Guten 3, dem Lebensspender und Lichtgeber, entfernt. Denn durch ihn ist alles Gute gut. Sofern es sich aber von ihm der Gesinnung, nicht dem Orte nach entfernt, wird es bös.

1: Gegen die Manichäer.
2: Gen. 1, 31.
3: Vgl. Matth. 19, 17; Mark. 10, 18; Luk. 18, 19.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger