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Johannes von Damaskus († 750) - Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens (Expositio fidei)
Viertes Buch

XVII. KAPITEL. Von der Schrift.

Einer ist Gott, er, der sowohl vom Alten wie vom Neuen Testament 1 verkündet, der in Dreiheit (═ in drei Personen) besungen und gepriesen wird. Denn der Herr sprach: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben, sondern zu erfüllen 2.“ Er selbst wirkte ja unser Heil, um dessentwillen jegliche Schrift und jegliches Mysterium da ist. Und wiederum: „Ihr durchforschet die Schriften, denn die sind es, die über mich Zeugnis ablegen 3.“ Und der Apostel sagt: „Zu verschiedenen Zeiten und auf verschiedene Weise hat Gott vor alters [S. 231] zu unseren Vätern geredet durch die Propheten. Am Ende dieser Tage sprach er zu uns in seinem Sohne 4.“ Durch den Hl. Geist also haben „das Gesetz und die Propheten 5“, die Evangelisten und Apostel, Hirten und Lehrer geredet.

Demnach „ist“ sicherlich „jede von Gott eingegebene Schrift auch nützlich 6“. Daher ist es sehr gut und heilsam, die göttlichen Schriften zu durchforschen. Denn „wie ein Baum, der neben Wasserläufe gepflanzt ist 7“, so wird auch die Seele genährt, die von der göttlichen Schrift bewässert wird, und „sie bringt Frucht zu ihrer Zeit 8“, den rechten Glauben, und prangt in immergrünen Blättern, den gottgefälligen Werken. Denn zu tugendhaftem Handeln und ungetrübtem Betrachten werden wir durch die heiligen Schriften angeleitet. In diesen finden wir ja Ermahnung zu jeder Tugend und Warnung vor allem Schlechten. Sind wir also lernbegierig, so werden wir auch viel lernen. Durch Fleiß und Mühe und die Gnade des gebenden Gottes kommt ja alles zustande. Denn „wer bittet, empfängt, und wer sucht, findet, und wer anklopft, dem wird aufgetan 9“. Klopfen wir also an dem so herrlichen Paradiese der Schriften an, dem duftigen, dem so lieblichen, dem so fruchtprangenden, das mit mannigfachen Liedern der geistigen, gottvollen Vögel unsere Ohren umtönt, das unser Herz berührt, in der Trauer tröstet, im Zorne besänftigt und mit ewiger Freude erfüllt, das unser Denken auf den goldstrahlenden, hellglänzenden Rücken der göttlichen Taube erhebt 10 und durch deren hellleuchtende Flügel hin zum eingeborenen Sohn und Erben des Pflanzers des geistigen Weinstocks 11 trägt und durch ihn zum „Vater der Lichter 12“ bringt. Aber nicht nachlässig, sondern inständig und anhaltend wollen wir anklopfen. Wir wollen unermüdlich anklopfen. Denn nur so wird uns aufgetan werden. Wenn wir [S. 232] ein- und zweimal lesen und nicht verstehen, was wir lesen, so wollen wir gleichwohl nicht ermüden, sondern anhalten, nachsinnen, fragen. Es heißt ja: „Frage deinen Vater, und er wird es dir kundtun; deine Vorfahren, und sie werden es dir sagen 13.“ Denn nicht allen ist die Erkenntnis eigen 14. Schöpfen wir aus der Paradiesesquelle unversieglicher, reinster Wasser, die ins ewige Leben strömen 15. Ergötzen wir uns daran, schwelgen wir darin unersättlich. Denn sie enthalten die Gnade kostenlos. Sollten wir auch von den „Außenstehenden 16“ (═ von den heidnischen Schriftstellern) etwas Nützliches gewinnen können, so steht dem nichts im Wege. Werden wir bewährte Wechsler 17, die das echte und reine Gold aufhäufen, das unechte aber zurückweisen. Nehmen wir gute Lehren an 18, lächerliche Götter aber und alberne Fabeln laßt uns den Hunden hinwerfen. Denn aus ihnen (═ den guten Lehren) können wir wohl sehr große Kraft gegen letztere holen.

Man muß wissen, daß das Alte Testament zweiundzwanzig Bücher hat, entsprechend den Buchstaben der hebräischen Sprache. Sie (═ die Hebräer) haben nämlich zweiundzwanzig Buchstaben, von denen fünf verdoppelt werden, so daß sich siebenundzwanzig ergeben. Doppelt 19 nämlich sind das Kaph, das Mem, das Nun, das Pe und das Zade. Daher zählt man auch auf diese Weise zweiundzwanzig Bücher, siebenundzwanzig aber findet man, weil fünf von ihnen Doppelbücher sind. Es wird nämlich Ruth mit Richter verbunden und bei den Hebräern als ein Buch gezählt. Das erste und zweite [Buch] der Könige ist ein Buch, das dritte und [S. 233] vierte [Buch] der Könige ein Buch, das erste und zweite [Buch] Paralipomenon ein Buch, das erste und zweite [Buch] Esdras ein Buch. So liegen denn die Bücher in vier Pentateuchen (═ Fünfbüchern) vor, zwei bleiben noch übrig, so daß die [in den Kanon] aufgenommenen Bücher folgende sind: Fünf gesetzliche: Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri, Deuteronomium. Das ist der erste Pentateuch, der auch Gesetzgebung heißt. Den anderen Pentateuch sodann bilden die sogenannten Grapheia (═ Schriften ═ Geschichtsbücher), von einigen Hagiographa genannt. Diese sind: Jesus, der Sohn Naves 20, Richter mit Ruth, Könige, erstes und zweites [Buch der Könige] ein Buch, drittes und viertes [Buch der Könige] ein Buch, und die zwei [Bücher] Paralipomenon ein Buch. Das ist der zweite Pentateuch. Den dritten Pentateuch bilden die Versbücher (═ poetischen Bücher): Job, der Psalter, die Sprüche Salomons, sein Prediger und sein Hohes Lied. Der vierte Pentateuch ist der prophetische: Die zwölf Propheten ein Buch, Isaias, Jeremias, Ezechiel, Daniel, dann die zu einem Buch vereinigten zwei Bücher Esdras und Esther. Das Tugendbuch (Panaretos), d. i. die Weisheit Salomons und die Weisheit Jesu, die der Vater des Sirach hebräisch herausgab und dessen Enkel Jesus, des Sirachs Sohn, ins Griechische übersetzte — sie sind zwar trefflich und gut, werden aber nicht gezählt und lagen auch nicht in der Bundeslade.

[Die Bücher] des Neuen Testamentes aber sind: Die vier Evangelien nach Matthäus, nach Markus, nach Lukas, nach Johannes; die Taten der heiligen Apostel (Apostelgeschichte) vom Evangelisten Lukas; sieben katholische Briefe: einer von Jakobus, zwei von Petrus, drei von Johannes, einer von Judas; vierzehn Briefe vom Apostel Paulus; die Apokalypse des Evangelisten Johannes; die Kanones der heiligen Apostel von Klemens 21.

1: Cyr. Hieros., Catech. 4, 33: De divinis scripturis (Migne, P. gr. 33, 496 A) sagt: „Einer ist der Gott der zwei Testamente.“ Hier liegt eine Polemik gegen die Gnostiker, die behaupteten, im Alten Testament herrsche der gerechte Gott, im Neuen der gnädige. Dagegen wendet sich bereits Irenäus, Adv. haer. IV, 9, 1: „Beide Testamente hat ein und derselbe Hausvater hervorgebracht.“
2: Matth. 5, 17. Diese Schriftstelle führt auch Cyrill (l. c.) an.
3: Joh. 5, 39.
4: Hebr. 1, 1 f.
5: Matth. 7, 12; 11, 13; Luk. 16, 16; Apg. 24, 14; 28, 23; Röm. 3, 21.
6: 2 Tim. 3, 16.
7: Ps. 1, 3 [hebr. Ps. 1, 3].
8: Ebd. [Ps. 1, 3 [hebr. Ps. 1, 3].
9: Luk. 11, 10.
10: Vgl. Ps. 67, 14 [hebr. Ps. 68, 14].
11: Vgl. Matth. 21, 38.
12: Jak. 1, 17.
13: Deut. 32, 7; vgl. Job 8, 8.
14: 1 Kor. 8, 7.
15: Joh. 4, 14.
16: 1 Tim. 3, 7.
17: „Werdet bewährte Wechsler“, ein von Klemens von Alexandrien (Strom. I, 28, 177) überliefertes Jesuswort, das den Stempel der Echtheit trägt. Siehe Uckeley, Worte Jesu, die nicht in der Bibel stehen, Lichterfelde-Berlin 1911, S. 25 (Bibl. Zeit- und Streitfragen VII, 117).
18: Vgl. Matth. 13, 20; Mark. 4, 16.
19: D. h. fünf Buchstaben haben am Ende eines Wortes eine andere Figur.
20: D. i. das Buch Josue.
21: Die 85 apostolischen Kanones, die einen Anhang zu den zu Ende des 4. oder zu Anfang des 5. Jahrhunderts in Syrien entstandenen apostolischen Konstitutionen bilden, wurden vom Trullanum (692) den heiligen Schriften beigefügt.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger