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Johannes von Damaskus († 750) - Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens (Expositio fidei)
Viertes Buch

XVI. KAPITEL. Von den Bildern.

Weil einige uns tadeln, da wir dem Bilde des Herrn und unserer Herrin, dann aber auch der übrigen Heiligen und Diener Christi Ehrfurcht und Ehre erweisen, so sollen sie hören, daß am Anfang Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat 1. Weshalb bezeigen wir einander Ehre? Doch nur, weil wir nach dem Bilde Gottes geschaffen sind. Denn „die Ehre des Bildes geht“, wie der Gotteslehrer und Gottesgelehrte Basilius 2 sagt, „auf das Urbild über“. Urbild aber ist das, dem etwas nachgebildet, von dem ein Abbild gemacht wird. Warum betete das mosaische Volk das Zelt ringsum an 3? Weil es ein Abbild und Typus der himmlischen Dinge oder vielmehr der ganzen Schöpfung war. Es sprach nämlich Gott zu Moses: „Siehe, du sollst alles machen nach dem Vorbild, das dir auf dem Berge gezeigt wurde 4.“ Und die Cherubim, die den Sühnedeckel (der Bundeslade) beschatteten 5, waren sie nicht [S. 228] „Werke von Menschenhänden 6“? Was war der berühmte Tempel in Jerusalem? War er nicht mit Händen gemacht und durch Menschenkunst hergestellt 7?

Die Hl. Schrift klagt die an, welche „die Schnitzbilder anbeten 8“, aber auch die, die „den Dämonen opfern 9“. Es opferten die Heiden, es opferten aber auch die Juden, freilich, die Heiden den Dämonen, die Juden Gott. Und das Opfer der Heiden ward verworfen und verdammt, das der Gerechten aber war Gott willkommen. Denn Noë opferte, und „Gott roch den lieblichen Duft 10“, er nahm den Wohlgeruch seines guten Willens und seiner Liebe zu ihm an. So sind die Schnitzbilder der Heiden, da sie Abbilder von Dämonen waren, verworfen und verboten worden.

Zudem, wer kann sich von dem unsichtbaren, unkörperlichen, unumschriebenen und gestaltlosen Gott ein Abbild machen? Höchst töricht und gottlos also ist es, die Gottheit zu gestalten (darzustellen). Daher war im Alten Testament der Gebrauch der Bilder nicht üblich. Es ist aber Gott „in seinem herzlichen Erbarmen 11“ unseres Heiles wegen wahrhaftig Mensch geworden, nicht wie er dem Abraham in Menschengestalt erschienen ist 12, auch nicht wie den Propheten, nein wesenhaft, wirklich ist er Mensch geworden, hat auf Erden gelebt und mit den Menschen verkehrt 13, hat Wunder gewirkt, gelitten, ist gekreuzigt worden, auferstanden, [in den Himmel] aufgenommen worden, und all das ist wirklich geschehen und von den Menschen gesehen worden, und es ist zu unserer Erinnerung und zur Belehrung derer, die damals nicht zugegen waren, aufgeschrieben worden, damit wir, die es nicht gesehen, [S. 229] aber gehört und geglaubt haben, der Seligpreisung des Herrn 14 teilhaftig würden. Da aber nicht alle die Buchstaben kennen und sich mit dem Lesen beschäftigen, schien es den Vätern geraten, diese Begebenheiten wie Heldentaten in Bildern darstellen zu lassen, um sich daran kurz zu erinnern. Gewiß erinnern wir uns oft, wo wir nicht an das Leiden des Herrn denken, beim Anblick des Bildes der Kreuzigung Christi, des heilbringenden Leidens, und fallen nieder und beten an, nicht den Stoff, sondern den Abgebildeten, gleichwie wir auch nicht den Stoff des Evangeliums und den Stoff des Kreuzes, sondern das dadurch Ausgedrückte anbeten. Denn was ist für ein Unterschied zwischen einem Kreuz, das das Bild des Herrn nicht hat, und dem, das es hat? So ist es auch mit der Gottesmutter. Denn die Verehrung, die man ihr erweist, bezieht sich auf den, der aus ihr Fleisch geworden. Ebenso spornen uns auch die Heldentaten der heiligen Männer zur Mannhaftigkeit, zum Eifer, zur Nachahmung ihrer Tugend und zum Preise Gottes an. Denn, wie gesagt, „die Ehre, die wir den Edelgesinnten unserer Mitknechte erweisen, ist ein Beweis der Liebe gegen den gemeinsamen Herrn 15“, und „die Ehre des Bildes geht auf das Urbild über 16“. Es ist dies jedoch eine ungeschriebene Überlieferung wie auch die Anbetung gegen Aufgang und die Verehrung des Kreuzes und sehr viel anderes dergleichen.

Man erzählt aber auch eine Geschichte: Als Abgar, König von Edessa, einen Maler absandte, um ein Bildnis des Herrn zu machen, und der Maler es wegen des strahlenden Glanzes seines Antlitzes nicht vermochte, habe der Herr selbst sein Oberkleid auf sein göttliches, lebenspendendes Antlitz gelegt und sein Bild im Kleide abgeprägt und es so dem danach verlangenden Abgar geschickt 17.

[S. 230] Daß aber die Apostel auch sehr vieles ungeschrieben überliefert haben, schreibt der Völkerapostel Paulus: „So stehet denn fest, Brüder, und haltet an unsern Überlieferungen fest, die ihr gelernt habt, sei es durch mündliche Rede, sei es durch einen Brief von uns 18.“ Und an die Korinther: „Ich lobe euch aber, Brüder, daß ihr in allem meiner eingedenk seid und an den Überlieferungen, wie ich sie euch überliefert habe, festhaltet 19.“

1: Gen. 1, 26.
2: De spir. s. c. 18 (Migne, P. gr. 32, 149 C).
3: Exod. 33, 10.
4: Ebd. [Exod.] 25, 40; Hebr. 8, 5.
5: Exod. 25, 18 ff.; Hebr. 9, 5.
6: 4 Kön. 19, 18 [2 Kön. nach neuerer Zählart]; 2 Chron. 32, 19; Ps. 113, 12 [hebr. Ps. 115, 4]; 134, 15 [hebr. Ps. 135, 15]; Is. 37, 19; Bar. 6, 50 nach der Vulgata.
7: 3 Kön. 6, 1 ff. [1 Kön. nach neuerer Zählart]; 2 Chron. 3, 1 ff.; vgl. Mark. 14, 58.
8: Ps. 96, 7 [hebr. Ps. 97, 7]; 105, 19 [Ps. 106, 19]; Exod. 20, 4; Lev. 26, 1; Deut. 4, 16 ff.; 5, 8.
9: Deut. 32, 17; Bar. 4, 7.
10: Gen. 8, 21.
11: Luk. 1, 78.
12: Gen. 18, 1 ff.
13: Bar. 3, 38.
14: Joh. 20, 29.
15: Bas., Hom. 19 in s. quadrag. Martyr. ([Migne] P. gr. 31, 508 B).
16: Bas., De spir. s. c. 18 (Migne. P. gr. 32, 149 C).
17: Diese Legende von dem zu Edessa aufbewahrten Bildnis Christi (Edessenum oder Abgarbild), das Abgar V. Ukkama (der Schwarze) von Edessa (4 v.—7 n. Chr. und wieder 13 — 50 n. Chr., nachdem er eine Zeitlang vor seinem Bruder Ma’anu IV. hatte flüchten müssen) von Christus selbst erhalten haben soll, ist 390/430 entstanden. Das Bild, das auf faltigem Tuch den Christuskopf zeigt, kam 944 nach Konstantinopel (später das heilige Mandylion genannt), verschwand aber nach Eroberung der Stadt 1204. In der Folgezeit stritten sich um seinen Besitz Rom, Genua (14. Jahrh.) und mit mehr Recht die Sainte Chapelle zu Paris, wohin 1247 der byzantinische Reliquienschatz gewandert war. Siehe Dobschütz, Christusbilder in Texte und Untersuchungen, hrsg. von A. Harnack, 1899, 102—196.
18: 2 Thess. 2, 15.
19: 1 Kor. 11, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger