Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Johannes von Damaskus († 750) - Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens (Expositio fidei)
Viertes Buch

XV. KAPITEL. Von der Verehrung der Heiligen und ihrer Reliquien.

Man muß die Heiligen als Freunde Christi, als Kinder und Erben Gottes ehren, wie der Theologe und Evangelist Johannes sagt: „Allen aber, die ihn aufnahmen, denen gab er Macht, Kinder Gottes zu werden 1.“ „Daher sind sie nicht mehr Knechte, sondern Söhne; wenn aber Söhne, auch Erben, Erben Gottes und Miterben Christi 2.“ Auch der Herr sagt in den heiligen Evangelien zu den Aposteln: „Ihr seid meine Freunde. Ich nenne euch nicht mehr Knechte. Denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut 3 Wenn der Schöpfer und Herr aller Dinge „König der Könige, Herr der Herren 4“ und „Gott der Götter 5“ genannt wird, so sind gewiß auch die Heiligen Götter und Herren und Könige. [S. 224] Ihr Gott und Herr und König ist und heißt Gott. Denn er sagt zu Moses: „Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs 6.“ Und den Moses hat Gott zu einem Gott über Pharao gemacht 7. Götter aber und Könige und Herren nenne ich sie nicht von Natur, sondern sofern sie über die Leidenschaften geboten und herrschten und die Ähnlichkeit mit dem göttlichen Bilde, wonach sie ja geschaffen sind, unverfälscht bewahrten — denn König wird auch das Bild des Königs genannt — und sofern sie dem Willen nach mit Gott geeint waren und diesen als Gast aufnahmen und durch die Teilnahme an ihm aus Gnade das wurden, was er selbst von Natur aus ist. Wie soll man also die nicht ehren, die Diener und Freunde und Söhne Gottes sind? Denn „die Ehre, die man den gutgesinnten Mitknechten erweist, ist ein Beweis der Liebe gegen den gemeinsamen Herrn 8“.

Diese sind Schatzkammern und reine Herbergen Gottes. Denn Gott sagt: „Ich will in ihnen wohnen und wandeln und ich werde Gott sein 9.“ Daß „die Seelen der Gerechten in der Hand Gottes sind und der Tod sie nicht berührt 10, sagt die Hl. Schrift. Der Tod der Heiligen ist ja viel mehr ein Schlaf als ein Tod. Denn sie haben sich geplagt ihr Leben lang und werden leben ohne Ende 11. Und: „Kostbar vor dem Herrn ist der Tod seiner Heiligen 12 Was ist nun kostbarer als in der Hand Gottes zu sein? Denn Gott ist Leben und Licht, und die in der Hand Gottes sind, sind im Leben und Lichte.

Daß aber Gott auch in ihren Leibern durch den Geist gewohnt, sagt der Apostel: „Wißt ihr nicht, daß eure Leiber ein Tempel des Hl. Geistes sind, der in [S. 225] euch wohnt 13?“ „Der Herr aber ist Geist 14.“ Und: „Wenn einer den Tempel Gottes vernichtet, so wird ihn Gott vernichten 15.“ Wie soll man also die lebendigen Gottestempel, die lebendigen Gotteszelte nicht ehren? Diese haben sich im Leben freimütig auf Seite Gottes gestellt.

Als heilbringende Quellen gab uns der Herr Christus die Reliquien der Heiligen, die auf mannigfache Weise die Wohltaten ausströmen, wohlriechendes Öl 16 hervorquellen. Und niemand sei ungläubig! Denn wenn aus hartem, festem Fels in der Wüste Wasser quoll 17, weil Gott es wollte, und aus einem Eselskinnbacken dem dürstenden Samson 18, ist es dann unglaublich, daß aus Märtyrerreliquien wohlriechendes Öl quelle? Keineswegs, wenigstens für die, welche die Macht Gottes und die Ehre kennen, die den Heiligen von ihm zuteil wird.

Im Gesetze galt jeder, der einen Toten berührte, für unrein 19. Aber diese sind keine Toten. Denn seitdem er, der selbst das Leben, der Grund des Lebens ist, zu den Toten gezählt ward, nennen wir die, die in der Hoffnung auf Auferstehung und im Glauben an ihn entschlafen sind, nicht Tote. Denn wie kann ein toter Körper Wunder wirken? Wie also werden durch sie Dämonen ausgetrieben, Krankheiten verscheucht, Kranke geheilt, Blinde sehend, Aussätzige rein, Versuchungen und Kümmernisse gehoben, wie kommt durch sie jede gute Gabe vom Vater der Lichter auf die herab 20, die in zuversichtlichem Glauben bitten? Wieviel Mühe gäbest du dir, um einen Helfer zu finden, der dich einem sterblichen König vorstellte und für dich einen Fürsprecher bei ihm machte! Sollte man nun die Fürsprecher des ganzen Geschlechts, die für uns die Bitten Gott [S. 226] darbringen, nicht ehren? Ja gewiß, wir müssen sie ehren, wir errichten Gott Tempel auf ihre Namen, bringen Früchte dar, feiern ihr Andenken und freuen uns dabei auf geistige Weise, damit die Freude denen entspreche, die uns dazu laden, auf daß wir nicht, während wir ihnen zu huldigen suchen, sie im Gegenteil erzürnen. Denn an dem, wodurch man Gott verehrt, werden sich auch seine Verehrer erfreuen. Worüber aber Gott zürnt, darüber werden auch seine Diener zürnen. „In Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern 21“, in Zerknirschung und Barmherzigkeit mit den Dürftigen wollen wir Gläubige die Heiligen verehren. Dadurch wird auch Gott am meisten verehrt. Denksäulen wollen wir ihnen errichten und sichtbare Bilder und selbst lebendige Denksäulen und Bilder derselben durch die Nachahmung ihrer Tugenden werden. Die Gottesgebärerin wollen wir ehren als Gottesmutter im eigentlichen und wahren Sinne; den Propheten Johannes als Vorläufer und Täufer, Apostel und Märtyrer — denn „unter den von Weibern Geborenen ist kein Größerer erstanden als Johannes der Täufer 22“, wie der Herr gesagt, und er ist der erste Herold des Reiches gewesen —; die Apostel als Brüder des Herrn und Augenzeugen und Diener seiner Leiden, die Gott der Vater „in seinem Vorherwissen auch vorherbestimmt hat, dem Bilde seines Sohnes gleichgestaltet zu werden 23“, „erstens zu Aposteln, zweitens zu Propheten, drittens zu Hirten und Lehrern 24“; die aus jedem Stande erwählten Märtyrer des Herrn „als Streiter Christi 25“, die seinen Kelch getrunken, als sie mit der Taufe des lebendigmachenden Todes selber getauft wurden, als Genossen seiner Leiden und seiner Herrlichkeit, deren Anführer der Erzdiakon und Apostel und Erzmärtyrer Christi, Stephanus, war; unsere heiligen Väter, die gotterfüllten Asketen, die das langwierigere und mühsamere Martyrium des Gewissens durchgekämpft, „die in Schaf- und Ziegenfellen [S. 227] umhergingen, darbend, leidend, duldend, die in Einöden, in Gebirgen, in Höhlen und Klüften der Erde umherirrten, deren die Welt nicht wert war 26; die endlich, die vor der Gnade lebten, die Propheten, Patriarchen, Gerechten, die die Ankunft des Herrn vorherverkündet. Auf den Wandel all dieser wollen wir achten und ihren Glauben 27, ihre Liebe, ihre Hoffnung, ihren Eifer, ihr Leben, ihren Starkmut in den Leiden, ihre Ausdauer bis zum Blute nachahmen, damit wir mit ihnen auch an den Ehrenkronen teilhaben.

1: Joh. 1, 12.
2: Gal. 4, 7; Röm. 8, 17.
3: Joh. 15, 14 f.
4: Off. 19, 16.
5: Deut. 10, 17 ; Ps. 49, 1 [hebr. Ps. 50, 1]; 83, 8 [hebr. Ps. 84, 8]; 135, 2 [hebr. Ps. 136, 2]; Dan. 2, 47; 11, 36.
6: Exod. 3, 6; Matth. 22, 32; Mark. 12, 26; vgl. Luk. 20, 37.
7: Exod. 7, 1.
8: Bas., Hom. 19 in s. quadrag. Martyr. (Migne, P. gr. 31, 508 B).
9: 2 Kor. 6, 16; Lev. 26, 11 f.
10: Weish. 3, 1; vgl. Deut. 33, 3.
11: Vgl. Ps. 48, 9 f. [hebr. Ps. 49, 9 f.].
12: Ebd. [Ps.] 115, 6 [=Septuaginta = LXX] [Ps. 115, 15 nach Vulgata] [hebr. Ps. 116, 15].
13: 1 Kor. 6, 19; vgl. 3, 16.
14: 2 Kor. 3, 17.
15: 1 Kor. 3, 17.
16: Beispiele dieser Art bei Günter, Legenden-Studien, Köln 1906, S. 63, 155, 156, 179.
17: Exod. 17, 6.
18: Richt. 15, 19.
19: Num. 19, 11.
20: Jak. 1, 17.
21: Eph. 5, 19.
22: Matth. 11, 11.
23: Röm. 8, 29.
24: 1 Kor. 12, 28.
25: 2 Tim. 2, 3.
26: Hebr. 11, 37.
27: Ebd. [Hebr.] 13, 7.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Allgemeine Einleitung
Bilder Vorlage

Navigation
Erstes Buch
Zweites Buch
Drittes Buch
Viertes Buch
. . Mehr
. . VII. KAPITEL. Gegen ...
. . VIII. KAPITEL. Wie ...
. . IX. KAPITEL. Von dem ...
. . X. KAPITEL. Vom Glauben.
. . XI. KAPITEL. Vom Kreuze. ...
. . XII. KAPITEL. Von der ...
. . XIII. KAPITEL. Von ...
. . XIV. KAPITEL. Vom Gesc...
. . XV. KAPITEL. Von der ...
. . XVI. KAPITEL. Von den ...
. . XVII. KAPITEL. Von ...
. . XVIII. KAPITEL. Von ...
. . XIX. KAPITEL. Gott ...
. . XX. KAPITEL. Es gibt ...
. . XXI. KAPITEL. Warum ...
. . XXII. KAPITEL. Vom ...
. . XXIII. KAPITEL. Gegen ...
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger