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Johannes von Damaskus († 750) - Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens (Expositio fidei)
Viertes Buch

XIV. KAPITEL. Vom Geschlechtsregister des Herrn und von der heiligen Gottesgebärerin.

Über die heilige, überaus preiswürdige, immerwährende Jungfrau und Gottesgebärerin Maria haben wir im Vorausgehenden in mäßigem Umfang gehandelt und hauptsächlich festgestellt, daß sie im eigentlichen und wirklichen Sinne Gottesgebärerin ist und heißt. Wir wollen jetzt das noch Fehlende nachtragen. Sie, die durch den ewigen, vorausschauenden Ratschluß Gottes vorherbestimmt und in verschiedenen Bildern und Aussprüchen der Propheten durch den Hl. Geist vorgebildet und vorherverkündet war, entsproßte in der vorherbestimmten Zeit aus der Wurzel Davids auf Grund der Verheißungen, die an ihn ergangen. Denn es heißt: „Geschworen hat der Herr Treue dem David und er [S. 218] bricht sie nicht: Von deines Leibes Frucht (═ Nachkommen von dir) werde ich auf deinen Thron setzen 1.“ Und wiederum: „Einmal habe ich geschworen bei meiner Heiligkeit, wahrlich, David täusche ich nicht. Seine Nachkommen bleiben in Ewigkeit. Und sein Thron ist wie die Sonne vor mir und wie der Mond, der für die Ewigkeit geschaffen und ein zuverlässiger Zeuge am Himmel ist 2.“ Und Isaias: „Aufsprossen wird ein Reis aus Jesse, und eine Blüte aus seiner Wurzel aufgehen 3.“

Daß Joseph sich aus Davidischem Stamm herleitet, haben die hochheiligen Evangelisten Matthäus und Lukas deutlich gezeigt. Allein Matthäus leitet Joseph von David durch Salomon her 4, Lukas dagegen durch Nathan 5. Die Abstammung der heiligen Jungfrau aber haben beide verschwiegen.

Man muß wissen, daß es nicht Gewohnheit der Hebräer und auch nicht der Hl. Schrift gewesen, die weibliche Linie anzugeben. Gesetz war, daß nicht ein Stamm aus einem andern Stamme heirate 6. Joseph, der aus Davidischem Stamme hervorging und gerecht war — denn dieses Zeugnis stellt ihm das göttliche Evangelium 7 aus —, hätte die heilige Jungfrau nicht widergesetzlich zur Ehe genommen, hätte sie nicht demselben Stamme angehört. Es genügte also, die Abstammung Josephs aufzuzeigen.

Man muß aber auch folgendes wissen: Es war Gesetz, daß beim kinderlosen Tode eines Mannes dessen Bruder die Ehefrau des Verstorbenen zur Ehe nehmen und dem Bruder Nachkommenschaft erwecken sollte 8. Die Nachkommenschaft gehörte der Natur nach dem Zweiten, d. h. dem Erzeuger, dem Gesetze nach dem Verstorbenen an.

[S. 219] Aus der Linie Nathans nun, des Sohnes Davids 9, erzeugt, zeugte Levi den Melchi 10 und den Panther. Panther zeugte den sogenannten Barpanther. Dieser Barpanther zeugte den Joachim. Joachim zeugte die heilige Gottesgebärerin. Aus der Linie Salomons aber, des Sohnes Davids, hatte Mathan ein Weib, aus dem er den Jakob zeugte. Als jedoch Mathan starb, heiratete Melchi, der aus dem Stamme Nathans war, der Sohn des Levi und Bruder des Panther, das Weib des Mathan, die Mutter des Jakob, und zeugte aus ihr den Heli. Es waren also Jakob und Heli Brüder von einer Mutter, Jakob aus dem Stamme Salomons, Heli aus dem Stamme Nathans. Es starb aber Heli, der aus dem Stamme Nathans war, kinderlos, und es nahm Jakob, sein Bruder, der aus dem Stamme Salomons war, dessen Weib und erweckte seinem Bruder Nachkommenschaft und zeugte den Joseph. Joseph ist also der Natur nach ein Sohn Jakobs, der aus der Linie Salomons war, dem Gesetze nach aber [ein Sohn] Helis, der von Nathan stammt.

Joachim nun nahm die ehr- und lobwürdige Anna zur Ehe 11. Aber wie die frühere Anna durch Gebet und Verheißung den Samuel geboren, da sie unfruchtbar war12, so empfängt auch diese durch Flehen und Verheißung von Gott die Gottesgebärerin, damit sie auch hierin keiner der berühmten [Frauen] nachstehe 13. Es gebiert also die Gnade (denn das heißt Anna) die Herrin (denn das bedeutet der Name Maria 14). Sie ist wirklich [S. 220] Herrin aller Geschöpfe geworden, da sie Mutter des Schöpfers wurde. Sie wird geboren im Hause Joachims am Schaftore15 und dem Heiligtum zugeführt. Sodann im Hause Gottes gepflanzt 16 und befruchtet durch den Geist, wurde sie, „wie ein fruchttragender Ölbaum 17“, eine Herberge jeglicher Tugend, sie hielt von jeder weltlichen und fleischlichen Begier den Geist fern und bewahrte so die Seele samt dem Leibe jungfräulich, wie es sich für die ziemte, die Gott in ihrem Schoße aufnehmen sollte. Denn er, der Heilige, ruht in Heiligen 18. So also geht sie der Heiligung nach und erweist sich als heiliger und wunderbarer, „des allerhöchsten Gottes 19“ würdiger Tempel.

Es belauerte aber der Feind unseres Heiles die Jungfrauen wegen der Vorhersagung des Isaias, der sprach: „Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären, und man wird ihm den Namen Emmanuel geben, d. h. verdolmetscht Gott-mit-uns 20.“ Damit nun der, der „die Weisen in ihrer Schlauheit fängt 21“, den täusche, der sich immer mit Weisheit brüstet, darum wird die Jungfrau von den Priestern dem Joseph zur Ehe übergeben, die neue Buchrolle dem Schriftkundigen 22. Die Vermählung war einerseits ein Schutz der Jungfrau, andrerseits eine Täuschung dessen, der die Jungfrauen belauerte. „Als aber die Fülle der Zeiten kam 23“, wurde ein Engel des Herrn zu ihr gesandt, der verkündete, daß sie den Herrn empfange 24. [S. 221] Und so empfing sie den Sohn Gottes, die subsistierende Kraft des Vaters, „nicht aus dem Trieb des Fleisches, nicht aus dem Trieb des Mannes 25“, d. h. aus Umarmung und Samen, sondern durch das Wohlgefallen des Vaters und Mitwirkung des Hl. Geistes. Sie gewährte dem Schöpfer die Möglichkeit, geschaffen, dem Bildner, gebildet zu werden, dem Sohne Gottes und Gott, Fleisch und Mensch zu werden aus ihrem heiligen, makellosen Fleisch und Blut. Damit erfüllte sie das Amt der Stammesmutter. Wie nämlich jene ohne Umarmung aus Adam gebildet ward, so gebar auch diese den neuen Adam, der zwar nach dem Gesetz der Schwangerschaft, aber entgegen der natürlichen Erzeugung geboren wurde. Denn geboren wird vom Weibe ohne Vater der, der aus dem Vater ist ohne Mutter. Weil vom Weibe, darum nach dem Gesetz der Schwangerschaft; weil aber ohne Vater, darum entgegen der natürlichen Erzeugung. Weil zur gewöhnlichen Zeit — denn wer die neun Monate vollendet hat und in den zehnten geht, wird geboren —, darum nach dem Gesetz der Schwangerschaft; weil aber ohne Wehen, darum entgegen dem Gesetz der Geburt. Denn der, der keine Lust voranging, folgten auch keine Wehen, gemäß dem Propheten, der sagt: „Bevor sie Wehen hatte, gebar sie 26 Und wiederum: „Bevor die Zeit der Wehen kam, entfloh sie und gebar ein Männliches (ein Knäblein) 27.“

Geboren ward also aus ihr der fleischgewordene Sohn Gottes; nicht ein gotttragender Mensch, sondern ein fleischgewordener Gott, nicht wie ein Prophet durch Wirksamkeit gesalbt, sondern durch die Anwesenheit des ganzen Salbenden, so daß das Salbende Mensch und das Gesalbte Gott wurde, nicht durch Umwandlung der Natur, sondern durch hypostatische Einigung. Denn der nämliche war sowohl der Salbende als der Gesalbte, salbend als Gott sich selbst als Menschen. Wie sollte also die nicht Gottesgebärerin sein, die den fleischgewordenen Gott aus sich geboren? Fürwahr, im eigentlichen [S. 222] und wahren Sinne ist sie Gottesgebärerin und Herrin, sie gebietet über alle Geschöpfe, da sie Magd und Mutter des Schöpfers ist. Gleichwie er aber in der Empfängnis die Empfangende jungfräulich erhielt, so bewahrte er auch in der Geburt ihre Jungfräulichkeit unversehrt, da er allein durch sie hindurchging und sie verschlossen erhielt 28. Durch Hören [erfolgte] die Empfängnis, die Geburt durch den gewöhnlichen Ausgang der Geburten, wenn auch einige fabeln, er sei durch die Seite der Gottesmutter geboren worden. Es war ihm ja nicht unmöglich, durch die Pforte hindurchzugehen und deren Siegel nicht zu verletzen.

Es bleibt also Jungfrau auch nach der Geburt die immerwährende Jungfrau, da sie bis zum Tode mit keinem Manne einen Verkehr gehabt. Denn wenn auch geschrieben steht: „Und er erkannte sie nicht, bis sie ihren Sohn, den Erstgeborenen, gebar 29“, so muß man wissen, daß Erstgeborener der zuerst Geborene ist, auch wenn er Eingeborener wäre. Denn das „Erstgeborener“ bedeutet zuerst geboren sein, es zeigt aber gewiß nicht an, daß auch andere [danach] geboren worden sind. Das „bis“ bezeichnet zwar den bestimmten Zeittermin, verneint aber nicht das darauffolgende. Es sagt nämlich der Herr: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt 30“, nicht als werde er nach dem Ende der Welt sich trennen. Sagt doch der göttliche Apostel: „Und so werden wir allezeit beim Herrn sein 31“, nach der allgemeinen Auferstehung nämlich.

[S. 223] Denn wie wäre es möglich, daß sie, die Gott geboren, und aus der Erfahrung dessen, was folgte, das Wunder erkannt, eines Mannes Umarmung zugelassen hätte? Fort damit! Keinem keuschen Sinn ziemt es, sich solches zu denken, geschweige zu tun.

Aber diese selige, der übernatürlichen Gaben Gewürdigte erlitt diese Wehen, denen sie bei der Geburt entging, in der Zeit des Leidens, da sie in mütterlichem Mitgefühl die Zerfleischung des Innern erduldete. Als sie sah, daß der, den sie durch die Geburt als Gott erkannt, wie ein Missetäter getötet wurde, da wurde sie von den Gedanken wie von einem Schwerte zerfleischt. Und das ist es: „Und auch deine eigene Seele wird ein Schwert durchdringen 32.“ Doch den Schmerz änderte die Freude der Auferstehung, die den als Gott verkündet, der dem Fleische nach gestorben.

1: Ps. 131, 11 [hebr. Ps. 132, 11]; 2 Kön. 7, 12 [2 Samuel nach neuerer Zählart]; vgl. Apg. 2, 30.
2: Ps. 88, 36―38 [hebr. Ps. 89, 36―38].
3: Is. 11, 1.
4: Matth. 1, 6 ff.
5: Luk. 3, 31.
6: Num. 36, 6 ff.
7: Matth. 1, 19.
8: Gen. 38, 8 f.; Deut. 25, 5; Matth. 22, 24; Mark. 12, 19; Luk. 20, 28.
9: Luk. 3, 31.
10: Ebd. [Luk.] 3, 24.
11: Die erste Nachricht, daß Joachim und Anna die Eltern Marias waren, enthält das apokryphe Protevangelium Jacobi (2. Jahrhundert), das von der Geburt Mariens, ihren Tugenden als Tempeljungfrau, ihrer Ehe, der jungfräulichen Geburt Christi und der Ermordung des Zacharias handelt.
12: 1 Kön. 1, 10 f. 20. [1 Samuel nach neuerer Zählart].
13: Vgl. Greg. Nyss. Orat. in diem natalem Christi (Migne, P. gr. 46, 1137 D—1140 A). Bardenhewer (Patrologie³, Freib. 1910, S. 262) urteilt: „Die Weihnachtspredigt dürfte alten und neuen Zweifeln zum Trotz als echt zu betrachten sein.“
14: Über die verschiedenen, mehr als sechzig existierenden Deutungen des Wortes Maria (Mirjam) siehe Bardenhewer, Bibl. Studien I 1 (1895). Zeitschrift f. kath. Theologie 1906, 356 ff. Herrin bedeutet es bei Ableitung aus dem Syrischen.
15: Ἡ προβατική [Hē probatikē] (sc. πύλη) [pylē]. Tor in der nördlichen Stadtmauer in Jerusalem, dem Tempel zunächst gelegen. Durch dieses führte man das Vieh zum Schlachten in den Tempel. 2 Esdr. 3, 1. 31; 12, 38.
16: Vgl. Ps. 91, 14 [hebr. Ps. 92, 14].
17: Ebd. [Ps.] 51, 10 [hebr. Ps. 52, 10].
18: Is. 57, 15; 1 Clem. ad Cor. 59, 3.
19: Gen. 14, 18; Ps. 56, 3 [hebr. Ps. 57, 3]; Mark. 5, 7; Luk. 8, 28; Apg. 16, 17; Hebr. 7, 1.
20: Is. 7, 14; Matth. 1, 23.
21: Job 5, 13; 1 Kor. 3, 19.
22: Vgl. Is. 29, 11.
23: Gal. 4, 4.
24: Luk. 1, 26 ff.
25: Joh. 1, 13.
26: Is. 66, 7.
27: Ebd. [Is.] 66, 7 nach LXX [Septuaginta].
28: Vgl. Ez. 44, 2. In dieser Schriftstelle haben bereits Ambrosius, Ep. 42, 6 (Migne, P. l. 16, 1126 A) und Hieronymus, Dial. adv. Pelag. 2, 4 (Migne, P. l. 23, 538 BC) einen Beweis dafür gesehen, daß Maria in der Geburt Jungfrau geblieben ist. Die wichtigsten patristischen Zeugnisse für die Jungfrauengeburt, das des Ignatius von Antiochien, des Justin, des Irenäus, des Tertullian, des Origenes, des Athanasius, Ephräms des Syrers, des Hieronymus, des Augustinus und des Epiphanius bespricht Steinmann, Die jungfräuliche Geburt des Herrn, Münster 1916, S. 36—43 (Bibl. Zeitfragen, achte Folge [S. 284—291]).
29: Matth. 1, 25.
30: Ebd. [Matth.] 28, 20.
31: 1 Thess. 4, 17.
32: Luk. 2, 35.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger