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Johannes von Damaskus († 750) - Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens (Expositio fidei)
Viertes Buch

XI. KAPITEL. Vom Kreuze. Dabei noch einmal vom Glauben.

„Das Wort vom Kreuze ist denen, die verloren gehen, eine Torheit, uns aber, die gerettet werden, eine Gotteskraft 1.“ Denn „der Geistige beurteilt alles, ein [bloß] seelischer Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes ist 2.“ Torheit nämlich ist es (═ das Wort vom [S. 203] Kreuze) für die, die es nicht im Glauben annehmen und nicht die Güte und Allmacht Gottes bedenken, sondern mit menschlichen und natürlichen Gedanken das Göttliche erforschen. Denn alles, was Gottes ist, ist über Natur und Wort und Gedanke erhaben. Bedenkt einer, wie und warum Gott alles aus dem Nichtsein ins Sein hervorgebracht und will er es mit natürlichen Gedanken ergründen, so erfaßt er es nicht. Denn diese Erkenntnis ist seelisch und dämonisch. Hält aber einer, vom Glauben geleitet, die Gottheit für gut, allmächtig, wahrhaft, weise und gerecht, so wird er alles glatt und eben und einen geraden Weg finden. Denn ohne Glauben ist es unmöglich, gerettet zu werden 3. Auf Glauben beruht ja alles, das Menschliche wie das Geistige. Ohne Glauben durchfurcht weder der Landmann die Erde, noch vertraut der Kaufmann auf kleinem Boot sein Leben dem rasenden Meere an, noch werden Ehen gegründet, noch [geschieht] etwas anderes von dem, was im Leben [vorkommt]. Durch den Glauben erkennen wir, daß alles durch Gottes Kraft aus dem Nichtsein ins Sein gelangt ist. Durch den Glauben vollbringen wir alles Göttliche und Menschliche. Glaube aber ist Zustimmung ohne Grübelei.

Wohl ist jede Handlung und Wundertat Christi überaus groß und göttlich und wunderbar, aber bewundernswerter als alle ist sein kostbares Kreuz. Denn durch nichts anderes ward der Tod vernichtet, die Sünde des Stammvaters nachgelassen, die Hölle beraubt, die Auferstehung geschenkt, die Kraft uns gegeben, das Gegenwärtige, ja selbst den Tod zu verachten, die Rückkehr zur ursprünglichen Seligkeit vollführt, das Paradiesestor geöffnet, unsere Natur zur Rechten Gottes gesetzt, [durch nichts anderes] sind wir Gotteskinder und Erben 4 geworden als durch das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus. Durch das Kreuz ward ja alles vollbracht. Sagt doch der Apostel: „Wir alle, die wir auf Christus getauft sind, sind auf seinen Tod getauft 5 [S. 204] „Wir alle, die wir auf Christus getauft sind, haben Christus angezogen 6.“ „Christus ist Gottes Kraft und Gottes Weisheit 7.“ Siehe, der Tod Christi oder das Kreuz hat uns mit der subsistierenden Weisheit und Kraft Gottes bekleidet. Eine Gotteskraft aber ist das Wort vom Kreuze, entweder weil durch dasselbe die Kraft Gottes oder der Sieg über den Tod uns kundgemacht ward, oder weil durch die Kraft Gottes die Höhe und die Tiefe, Länge und Breite, d. h. alle sichtbare und unsichtbare Schöpfung zusammengehalten wird, gleichwie die vier Kreuzesenden durch das mittlere Zentrum gehalten und verbunden sind.

Dieses [Kreuz] ist uns als Zeichen auf die Stirne gegeben, wie Israel die Beschneidung. Denn durch dasselbe unterscheiden wir Gläubige uns von den Ungläubigen und erkennen uns. Dieses ist Schild und Waffe und Siegeszeichen gegen den Teufel. Dieses ist ein Siegel, daß uns der Erwürger nicht berühre, wie die Schrift 8 sagt. Dieses ist Aufrichtung der Liegenden, Halt der Stehenden, Stütze der Schwachen, Stab der Geleiteten 9, Führer der Umkehrenden, Vollendung der Fortschreitenden, Heil der Seele und des Leibes, Abwehr aller Übel, Gewähr aller Güter, Tilgung der Sünde, Reis der Auferstehung, Baum ewigen Lebens.

Dieses wirklich kostbare und verehrungswürdige Holz (Kreuz) nun, an dem sich Christus selbst für uns zum Opfer gebracht, ist zu verehren, da es durch die Berührung des heiligen Leibes und Blutes geheiligt ist, desgleichen die Nägel, die Lanze, die Kleider und seine heiligen Stätten, als da sind: die Krippe, die Höhle, das heilbringende Golgatha, das lebengebende Grab, Sion, die Burg der Kirchen, und dergleichen. So sagt der Stammvater Gottes, David: „Laßt uns in sein Zelt eintreten, anbeten an dem Ort, wo seine Füße standen 10.“ Daß er aber das Kreuz meint, zeigt das folgende: „Steh [S. 205] auf, Herr, zu deinem Ruheorte 11.“ Die Auferstehung folgt ja auf das Kreuz. Wenn [uns] Haus und Bett und Kleid der Lieben teuer sind, um wieviel mehr das, was Gottes und des Erlösers ist, wodurch wir ja auch gerettet worden sind.

Wir verehren aber auch das Bild des kostbaren und lebenspendenden Kreuzes, mag es auch aus anderem Stoff bestehen. Wir ehren ja nicht den Stoff - das sei ferne -, sondern das Bild als Sinnbild Christi. Denn so erklärte er seinen Jüngern: „Alsdann wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen 12“, nämlich das Kreuz. Darum sprach auch der Auferstehungsengel zu den Frauen: „Ihr suchet Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten 13.“ Und der Apostel: „Wir predigen Christus, den Gekreuzigten 14.“ Es gibt viele Christusse und Jesusse, aber nur einen Gekreuzigten. Er sagte nicht: den mit der Lanze Durchbohrten 15, sondern den Gekreuzigten. Deshalb ist das Zeichen Christi zu verehren. Denn wo das Zeichen ist, da wird auch er selbst sein. Der Stoff aber, aus dem das Kreuzesbild besteht, ist, selbst wenn es Gold oder kostbare Steine wären, nach der etwaigen Zerstörung des Bildes nicht zu verehren. Somit verehren wir alles, was Gott geweiht ist, indem wir ihm (═ Gott) die Verehrung bezeigen.

Ein Vorbild dieses kostbaren Kreuzes war der von Gott im Paradiese gepflanzte Baum des Lebens 16. Denn da durch einen Baum der Tod 17 [gegeben worden], so mußte durch einen Baum das Leben und die Auferstehung geschenkt werden. Zuerst hat Jakob, da er die Spitze von Josephs Stab verehrte 18, das Kreuz angedeutet, und als er mit übereinandergelegten Händen dessen Söhne segnete 19, hat er ganz deutlich das Zeichen des Kreuzes beschrieben. [Ferner deuteten das Kreuz an] der Stab des Moses, der in Kreuzesform das Meer schlug und Israel rettete, den Pharao aber ertränkte 20, die kreuzweise ausgestreckten und den [S. 206] Amalek (═ die Amalekiter) schlagenden Hände 21, das bittere, durch Holz süß gemachte Wasser 22, der durch Holz gesprengte, wasserströmende Fels 23, der Stab, der Aaron die Würde des Priestertums verlieh 24, die wie ein Siegeszeichen am Holze erhöhte Schlange — sie ward gleichsam getötet. Die den toten Feind gläubig anblickten, rettete das Holz 25. So ward Christus im „sündigen Fleische 26“, das keine Sünde kannte, an [das Holz] genagelt — der große Moses, der rief: „Ihr werdet euer Leben am Holze hängend vor euren Augen sehen 27“, Isaias [wenn er sagt]: „Den ganzen Tag streckte ich meine Hände aus nach einem ungläubigen und widerspenstigen Volke 28.“ — Möchten doch wir, die es (═ das Kreuz) verehren, Christi des Gekreuzigten teilhaftig werden! Amen.

1: 1 Kor. 1, 18.
2: Ebd. [1 Kor.] 2, 15. 14.
3: Vgl. Hebr. 11, 6.
4: Röm. 8, 16 f.; Gal. 4, 7.
5: Röm. 6, 3.
6: Vgl. Gal. 3, 27.
7: Vgl. 1 Kor. 1, 24.
8: Vgl. Hebr. 11, 28.
9: Vgl. Off. 2, 28; 12, 5.
10: Ps. 131, 7 [hebr. Ps. 132, 7].
11: Ps. 131, 8 [hebr. Ps. 132, 8].
12: Matth. 24, 30.
13: Mark. 16, 6.
14: 1 Kor. 1, 23.
15: Vgl. Joh. 19, 34.
16: Gen. 2, 9.
17: Ebd. [Gen.] 3, 1 ff.
18: Ebd. [Gen.] 47, 31 nach LXX [Septuaginta].
19: Ebd. [Gen.] 48, 14.
20: Exod. 14, 16 ff.
21: Exod. 17, 11.
22: Ebd. [Exod.] 15, 25.
23: Ebd. [Exod.] 17, 6.
24: Num. 17, 8.
25: Ebd. [Num.] 21, 9.
26: Röm. 8, 3.
27: Vgl. Deut. 28, 66.
28: Is. 65, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger