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Johannes von Damaskus († 750) - Genaue Darlegung des orthodoxen Glaubens (Expositio fidei)

Zweites Buch

I. KAPITEL. Vom Äon.

[S. 43] Der hat die Zeiten (Äonen) geschaffen, der vor den Zeiten ist, zu dem der göttliche David spricht: „Von Ewigkeit (Äon) zu Ewigkeit bist du 1.“ Und der Apostel [sagt]: „Durch den er auch die Zeiten geschaffen 2.“

Man muß also wissen, daß der Name Äon vieldeutig ist. Ja, er hat mehrfachen Sinn. Äon heißt einmal jedes menschliche Lebensalter. Dann heißt Äon der Zeitraum von tausend Jahren. Weiterhin heißt Äon das ganze gegenwärtige Leben und Äon [heißt] das zukünftige, das endlose [Leben] nach der Auferstehung. Es heißt ferner Äon nicht eine Zeit oder ein Zeitteil, der nach Gang und Lauf der Sonne gemessen wird, also aus Tagen und Nächten besteht, sondern die Bewegung und Dauer, die, gleichsam zeitlich, mit dem Ewigen gleichläuft 3. Denn was für das Zeitliche die Zeit, das ist für das Ewige die Ewigkeit (der Äon).

Man zählt nun sieben Zeitalter dieser Welt 4, angefangen von Erschaffung des Himmels und der Erde bis zur allgemeinen Vollendung und Auferstehung der Menschen. Es gibt eine teilweise Vollendung, d. i. der Tod des einzelnen. Es gibt aber auch eine allgemeine und ganze Vollendung, wenn die allgemeine Auferstehung der Menschen erfolgen wird. Das achte Zeitalter aber ist das zukünftige 5.

Vor dem Bestehen der Welt, als es noch keine Sonne gab, die den Tag von der Nacht schied, gab es [S. 44] auch keine meßbare Zeit (Äon), sondern die Bewegung und Dauer, die, gleichsam zeitlich, mit dem Ewigen gleichläuft 6. In dieser Hinsicht gibt es nur einen Äon 7. Deshalb heißt Gott unzeitlich8, aber auch vorzeitlich9. Er hat ja die Zeit selbst geschaffen. Gott allein ist anfangslos, darum ist er der Schöpfer von allem, der Zeiten und alles Seienden. Ich habe von Gott gesprochen. Darunter verstehe ich natürlich den Vater und seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn Jesus Christus, und seinen allheiligen Geist als unseren einzigen Gott 10.

Man spricht auch von Zeiten der Zeiten11 deshalb, weil ja die sieben Zeitalter der gegenwärtigen Welt viele Zeiten, nämlich Menschenleben, umfassen, und der eine Äon alle Äonen in sich schließt. Und Zeit der Zeit heißt die gegenwärtige wie die zukünftige. Ewiges Leben aber und ewige Strafe bezeichnet die Endlosigkeit der zukünftigen Zeit. Denn nach der Auferstehung wird die Zeit nicht nach Tagen und Nächten gerechnet werden. Es wird vielmehr ein Tag ohne Abend sein, da „die Sonne der Gerechtigkeit“ 12 den Gerechten hell strahlt. Für die Sünder aber wird tiefe, endlose Nacht sein. Wie wird es deshalb möglich sein, die tausendjährige Zeit der origenistischen Wiederherstellung (Apokatastasis) 13 zu [S. 45] zählen? Aller Zeiten einziger Schöpfer also ist Gott, er, der ja alles geschaffen hat, der vor den Zeiten ist.

1: Ps. 89, 2 [hebr. Ps. 90, 2].
2: Hebr. 1, 2.
3: Das kursiv Gedruckte wörtlich aus Greg. Naz., Or. 28, 8 (Migne, P. gr. 36, 320 AB) u. Or. 45, 4 (Migne, l. c. 628 C).
4: Vgl. Eph. 2, 2.
5: Das Zeitalter, das auf das Weltende folgt und ewig währt.
6: Greg. Naz., a. a. O.
7: nämlich die Ewigkeit.
8: Αἰώνιος [Aiōnios].
9: προαιώνιος [proaiōnios].
10: Vgl. Greg. Naz., Or. 28, 8 (Migne, P. gr. 36, 320 B) und Or. 45, 4 (Migne, I. c. 628 C).
11: Αἰῶνες αἰώνων [Aiōnes aiōnōn] ═ saecula saeculorum.
12: Mal. 4, 2.
13: Origenes († 254 oder 255) lehrte: Alle Geister, auch die Menschenseelen, sind von Ewigkeit her gleich vollkommen vor Gott geschaffen. In freier Selbstbestimmung sollten sie das Gute wählen. Allein leider sind sie davon abgewichen, die einen mehr, die andern weniger. Um sie zu strafen und zu läutern, schuf Gott in seiner Gerechtigkeit und Güte die vergängliche Materie und daraus diese sichtbare Welt mit ihren himmlischen, irdischen und unterirdischen Regionen als Läuterungsort für die gefallenen Geister. Je nach der Schwere ihrer Schuld bannte er sie in verschiedenartige materielle Körper, auch in Menschenleiber. Die am wenigsten gefallenen Geister sind die Engel, die am tiefsten gesunkenen die Dämonen. Auch die Menschenseelen sind gefallene Geister. Die Erlösung schafft allen Christus, der göttliche Logos, durch seine Menschwerdung, seine Lehre und seinen Tod. Doch volle Erlösung bringt erst das Sterben. Die Guten kommen in einem neuen, pneumatischen Leib ins „Paradies“, die Bösen in die Hölle, ins reinigende Feuer. Doch schließlich kehren auch letztere, selbst der Teufel, zu Gott zurück. Dann ist „die Wiederherstellung aller Dinge“ (ἀποκατάστασις πάντων [apokatastasis pantōn] [nicht: πνάτων [pnatōn]], Apg. 3, 21) erfolgt, der Zweck der Sinnenwelt erfüllt, alles Materielle sinkt ins Nichts zurück, der uranfängliche Zustand der Einheit Gottes und aller geistigen Wesenheit ist wiederhergestellt. (Siehe Loofs, Leitfaden zum Studium der Dogmengeschichte4, Halle 1906, S. 197—202. Bardenhewer, Patrologie³, Freib. 1910, S. 133.) — Johannes spricht von der „tausendjährigen Zeit der origenistischen Wiederherstellung“. Hier klingt ein platonischer Gedanke an. Nach Platon währen die Belohnungen und Strafen im Jenseits tausend Jahre. Danach können sich die Menschenseelen eine neue Lebensweise auf der Erde wählen, auch in Tierleibern wohnen. Nur die, die dreimal nacheinander hienieden in aufrichtigem Streben nach Weisheit gelebt, kehren nach Ablauf der 3x1000 Jahre völlig gereinigt von ihrer vorweltlichen Verfehlung zu den Fixsternen zurück und bleiben dort für immer. — Gegen diese Auffassung Platons wendet sich bereits der Philosoph und Märtyrer Justin in seiner ersten, zwischen 150 und 155 verfaßten Apologie c. 8.

 

 

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