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Clemens von Alexandrien († vor 215/16) - Teppiche (Stromateis).
Erstes Buch
I. Kapitel

14.

1. Nun ist freilich, wie ich wohl weiß, die schriftliche Aufzeichnung dieser meiner Erinnerungen kraftlos im Vergleich mit jenem begnadeten Geiste, den zu hören wir gewürdigt wurden; aber vielleicht ist sie doch ein Bild, das den an das Urbild erinnert, der vom Schlag des Thyrsos getroffen ist.1 Denn "sprich mit einem Weisen", so heißt es, "und er wird noch weiser werden",2 und "dem, der hat, wird noch dazu gegeben werden".3

2. Meine Schrift macht sich nicht anheischig, die Geheimnisse vollständig zu verkünden, weit gefehlt, sondern nur zu erinnern, sei es sooft wir etwas vergaßen, sei es, damit wir gar nicht vergessen. Aber viel ist uns, wie ich wohl weiß, entfallen, da es infolge der langen Zeit, weil es nicht aufgeschrieben [S. 22] wurde, verlorenging. Um daher mein schwaches Gedächtnis zu unterstützen, lege ich mir als eine nützliche Stärkung meines Gedächtnisses eine geordnete Zusammenstellung der Hauptgedanken an und bin somit gezwungen, diese Form der Darstellung zu verwenden.

3. Es gibt nun freilich manches, was wir nicht einmal in der Erinnerung festhalten konnten (denn vielseitig war die Begabung jener seligen Männer), manches, was, obwohl unaufgezeichnet, doch erhalten geblieben war, ist jetzt infolge der langen Zeit entschwunden; all das aber, was in meinen Gedanken allmählich einzutrocknen und zu erlöschen drohte (da ja eine solche Aufgabe für die darin nicht Bewährten nicht leicht ist), will ich durch Aufschreiben wieder lebendig machen. Dabei werde ich aber sorgfältig auswählen und manches mit Absicht übergehen, indem ich vermeide, Dinge niederzuschreiben, bei denen ich mich auch davor gehütet hätte, sie in mündlicher Rede zu erwähnen, durchaus nicht, weil ich es anderen nicht gönnte (das wäre ja nicht recht), sondern weil ich fürchte, meine Leser könnten vielleicht nach der anderen Seite hin4 in die Irre gehen, und es könnte sich erweisen, daß wir es machten wie Leute, die, um den sprichwörtlichen Vergleich5 zu bringen, dem Kinde ein Schwert geben.

4. "Denn es läßt sich nicht vermeiden, daß das Geschriebene unter die Leute kommt",6 mag es auch von mir selbst unveröffentlicht geblieben sein; wenn aber eine Schrift aufgerollt wird, so kann sie doch stets nur mit einem Wort, nämlich dem niedergeschriebenen, auf die an sie gerichteten Fragen antworten und mit nichts anderem, als was in ihr geschrieben steht. Zu weiterer Erklärung hat sie ja unbedingt eine Hilfe nötig, sei es den Verfasser selbst oder irgendeinen anderen, der die gleiche Richtung eingeschlagen hat.

1: Thyrsos ist der mit Efeu und Weinlaub umwundene Stab des Bakchos und der Bakchanten; als (xxx) thyrsopläx wurde der bakchisch Begeisterte bezeichnet; hier ist der gemeint, dessen Sinn der christlichen Lehre geöffnet ist.
2: Spr 9,9.
3: Vgl. Mt 13,12; 25,29; Mk 4,25; Lk 8,18; 19,26.
4: Die eine Seite ist die Gefahr der Unkenntnis der christlichen Lehre, die andere Seite ist die Gefahr des Mißverstehens solcher Lehren, für die die Hörer noch nicht reif sind. Vielleicht ist aber mit Münzel zu schreiben: (xxx) (vgl. Strom. VI 126,1) "infolge falscher Auffassung".
5: Vgl. Diogenianus VI 46,A; A: Otto, Sprichw. d. Römer S. 135.
6: Platon, Brief II p. 314 C, angeführt Strom.V 65,3.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger