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Origenes († 253/54) - Ermahnung zum Martyrium (Exhortatio ad martyrium)

29.

Aber vielleicht könnte jemand, der den Sinn der Schrift nicht genau erforscht hat, durch das Wort: "Vater, ist`s möglich, so gehe dieser Kelch von mir1" zu der Meinung kommen, dass gewissermaßen auch der Heiland zur Zeit seines Leidens gezagt hat; wenn aber [S. 183] jener, könnte man sagen, gezagt hat, wer kann dann für immer standhaft sein? Die solches vom Heiland annehmen, die wollen wir zuerst fragen, ob (Jesus) dem nachstand, welcher spricht: "Der Herr ist meine Erleuchtung und mein Retter, wen sollte ich wohl fürchten? Der Herr ist der Schützer meines Lebens, vor wem sollte ich zittern? Als Übeltäter sich mir näherten, um mein Fleisch zu verzehren, da wurden meine Bedränger und meine Feinde selbst schwach und fielen zu Boden. Wenn ein Heerlager sich wider mich aufstellt, wird mein Herz keine Furcht hegen; wenn sich Krieg gegen mich erhebt, dann werde ich voll Hoffnung sein2." Diese Worte, die bei dem Propheten stehen, beziehen sich wohl auf keinen andern als auf den Heiland, der wegen der vom Vater kommenden "Erleuchtung" und der "Errettung" durch ihn niemanden "fürchtete" und wegen des "Schutzes", den ihm Gott gewährte, vor niemandem "zitterte". Auch kannte sein "Herz" durchaus "keine Furcht", während sich gegen ihn das ganze "Heerlager" des Satans "aufstellte"; es "hoffte" aber auch auf Gott sein mit heiligen Lehren erfülltes "Herz", während "Krieg gegen ihn sich erhob". Demnach kann unmöglich eben derselbe in Zaghaftigkeit sprechen: "Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch von mir3", und mit Entschlossenheit ausrufen: "Wenn ein Heerlager sich wider mich aufstellt, wird mein Herz keine Furcht hegen4."

Damit uns nun an dieser Stelle nichts entgehe, mußt du auch die ausdrückliche Bezeichnung "des Kelches" bei den drei Evangelisten beachten. Matthäus nämlich läßt den Herrn sagen: "Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch von mir5", Lukas hat es so gefaßt: "Vater, wenn du willst, so nimm diesen Kelch von mir6", Markus aber so: "Abba, lieber Vater, dir ist alles möglich, nimm diesen Kelch von mir7." Da nun jedes Martyrium, das zum Ziel kommt "Kelch" genannt wird, mag der Anlaß des Ausgangs sein, welcher [S. 184] er wolle, so läßt sich vielleicht behaupten, dass der, welcher die Worte sprach: "so gehe dieser Kelch von mir8", nicht das Martyrium an sich ablehnte - denn er hätte sonst gesagt: "so gehe der Kelch von mir" -, sondern wohl diese Art des Martyriums nicht wünschte. Man bedenke doch die Möglichkeit, dass der Heiland im Hinblick auf die Arten der "Kelche", um diesen Ausdruck zu gebrauchen, und die möglichen Wirkungen einer jeden Art und im Erfassen ihrer Unterschiede vermittels tiefster Weisheit gerade diese Art des Ausgangs seines Martyriums ablehnen wollte, dagegen vielleicht eine andere, schwerere Art im stillen erbat, damit eine allgemeiner wirkende und auf mehr Teilhaber sich erstreckende Wohltat durch einen andern "Kelch" erzielt würde. Dies wollte aber der Vater noch nicht geschehen lassen, der gegenüber dem Willen des Sohnes und der Einsicht des Heilandes mit größerer Weisheit (und) ordnungsgemäß die Geschicke (der Welt) lenkt. Offenbar aber bedeutet in den Psalmen der "Kelch des Heils" den Tod der Märtyrer. Deshalb folgt auf den Satz: "Den Kelch des Heils werde ich nehmen und den Namen des Herrn anrufen9" der andere: "Kostbar ist vor dem Herrn der Tod seiner Frommen10." "Kostbar" ist demnach der "Tod", der uns überkommt, wenn wir zu den "Frommen" Gottes gehören und recht würdig sind11, nicht den sozusagen gemeinen und sanften Tod in Gottesfurcht, sondern einen auserwählten Tod von besonderer Art um des Christentums, der Frömmigkeit und Heiligkeit willen zu erleiden

1: Matth. 26,39.
2: Ps. 26,1-3.
3: Matth. 26,39.
4: Ps. 26,3.
5: Matth. 26,39.
6: Luk. 22,42.
7: Mark. 14,36.
8: Matth. 26,39.
9: Ps. 115,4.
10: Ps. 115,6.
11: Or. I 26,17 muß wohl οὐκ ἐν τῷ zu οὐ μεν τὸν verbessert wirden.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes
Einleitung: Ermahnung zum Martyrium

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger