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Origenes († 253/54)
Vom Gebet
(De oratione)

Einleitung

I

[S. 6] .

Was dem Verständnis der sterblichen Vernunftwesen wegen seiner Größe und übermenschlichen Art und seiner unendlichen Überlegenheit über unsere dem Todesgeschick verfallene Menschennatur unerreichbar ist, das wird bei der unermeßlichen Fülle der von Gott auf die Menschen ausgegossenen göttlichen Gnade nach der Absicht Gottes erreichbar, indem Jesus Christus unter Mitwirkung des Geistes die unübertreffliche Gnade für uns vermittelt1. Während z.B. die Menschennatur den Besitz der Weisheit nicht erlangen kann, durch welche das All geschaffen ist - denn "alles" hat nach David Gott "in Weisheit" geschaffen2 -, so wird das Unerreichbare erreichbar durch unseren Herrn Jesus Christus, "der für uns Weisheit von Gott geworden ist und Gerechtigkeit und Heiligung und Erlösung3". "Welcher Mensch nämlich wird Gottes Willen erkennen? Oder wer wird erfassen, was der Herr will? Denn die Gedanken der Sterblichen sind ohnmächtig, und unsere Absichten sind unsicher. Der vergängliche Leib beschwert ja die Seele, und das irdische Zelt lastet auf dem viel sinnenden Geist. Und mühsam nur deuten wir das Irdische, das Himmlische aber, wer hat es ausgespürt?4" Wer könnte wohl leugnen, dass es für den Menschen unerreichbar ist, "das Himmlische auszuspüren"? Aber trotzdem wird dies Unmögliche durch die überragende Gnade Gottes möglich. Denn der "in den dritten Himmel Entrückte" hat doch wohl den Inhalt der drei Himmel ergründet, da er "unaussprechliche Worte hörte, die wiederzugeben einem Menschen [S. 7] nicht gestattet war5". Wer aber vermag zu sagen, dass es dem Menschen möglich sei, den Sinn des Herrn zu erkennen6? Aber auch dies gewährt Gott durch Christus 7, ... wenn er ihnen den Willen ihres Herrn lehrt, der nicht mehr "Herr" sein will, sondern zum "Freund" wird für die, deren Herr er früher war. Aber wie auch keiner "der Menschen das Wesen des Menschen kennt, als der Geist des Menschen, der in ihm ist, so kennt auch keiner das Wesen Gottes, als nur der Geist Gottes8". Wenn aber "keiner das Wesen Gottes kennt, außer der Geist Gottes", so ist es unmöglich, dass der Mensch "das Wesen Gottes" kennt. Überlege jedoch, wie auch dies möglich wird: "wir aber", sagt (der Apostel) ,"haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir erkennen, womit uns Gott begnadet hat; wovon wir auch reden nicht in Worten, die menschliche Weisheit uns gelehrt, sondern in solchen, die der Geist uns gelehrt.9."

1: Vgl. Tit. 3,5.6.
2: Vgl. Ps. 103,24.
3: 1 Kor. 1,30.
4: Weish. 9, 13-16.
5: Vgl. 2 Kor. 12,2.4.
6: Vgl. Röm. 11,34; 1 Kor. 2,16 ( Jes. 40,13).
7: Die Lücke kann im Anschluß an meine Ausgabe Or. II 298 App. 2 und an die von Hautsch, Evangelienzitate (TU XXXIV) S. 155 mitgeteilte Vermutung F. Leos etwa so ergänzt werden: (welcher spricht: "Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. Nicht mehr nenne ich euch Knechte, weil der Knecht nicht weiß, was sein Herr will; ich habe euch aber Freunde genannt, weil ich euch alles, was ich vom Vater gehört habe, kund getan habe" (Joh. 15, 14.15). Den Willen des Herrn erkennen also die, welche auf Christi Worte hören wollen,) Der griechische Text S. 298, 6f. muß nach Leos Verbesserung so heißen: ὅτε διδασκει αὐτοὺς τὸ θέλημα τοῦ κυρίου ἑαυτῶν οὐκέτι κυρίου εῖναι θέλοντος, ἀλλὰ εἰϙ φίλον κτλ . Die Worte: τὸ θέλημα τοῦ κυρίου ἑαυτῶν οὐκέτι haben wahrscheinlich in der Vorlage des Codex T als Verbesserung am Rand gestanden und sind vom Abschreiber mißverstanden worden.
8: Vgl. 1 Kor. 2,11.
9: 1 Kor. 2,12.13.

 

 

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Vorbemerkung
Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes
Einleitung: Vom Gebet

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger