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Justin der Märtyrer († um 165) - Dialog mit dem Juden Trypho (Dialogus cum Tryphone)

93.

1. Zur Zeit einer jeden Menschengeneration verkündet nämlich Gott das, was immer und durchweg [S. 154] gerecht ist, die lautere Gerechtigkeit, und jede Generation weiß, daß Ehebruch, Unzucht, Mord und alle anderen derartigen Handlungen Sünde sind. Selbst von denen, welche diese Sünden begehen, hat keiner das Verständnis dafür verloren, daß sein Handeln unrecht ist; eine Ausnahme sind alle jene, welche vom unreinen Geist er griffen und durch Erziehung, schlimme Gewohnheiten und schlechte Gesetze verdorben, die von Natur gegebenen Vorstellungen verloren beziehungsweise ausgelöscht oder ausgeschaltet haben. 2. Denn man kann beobachten, daß solche Sünder das, was sie den anderen antun, ihrerseits sich nicht gefallen lassen, und daß sie einander ihre Taten zum Vorwurf machen; ihr Gewissen ist ja wider sie.

Daher scheint mir unser Herr und Heiland Jesus Christus recht zu haben, der gesagt hat, daß alle Forderungen der Gerechtigkeit und Frömmigkeit mit der Beobachtung zweier Gebote erfüllt werden 1. Dieselben lauten aber 2: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Kraft und deinen Nächsten wie dich selbst!’ Denn wer aus ganzem Herzen und mit ganzer Kraft Gott liebt, der ist voll gottesfürchtiger Gesinnung und wird keinen anderen Gott fürchten; er wird, da Gott es will, jenen Engel 3 fürchten, den der Herr und Gott selbst liebt. Und wer den Nächsten liebt wie sich selbst, der wird auch ihm alles Gute wünschen, das er für sich selbst beansprucht; niemand aber wird sich etwas Böses wünschen. 3. Wer seinen Nächsten liebt, wird ihm also das gleiche erbitten und erweisen wie sich selbst. Für den Menschen ist aber eben derjenige der Nächste, welcher gleich ihm empfindet und denkt, das ist der Mensch. Wer nun immer - wie der Logos sagt - Gott, den Herrn, liebt aus ganzem Herzen und mit ganzer Kraft und den Nächsten wie sich selbst, wessen Religion ganz in dem zweifachen Dienste, dem Gottes und der Menschen, aufgeht, der [S. 155] dürfte wohl wahrhaft gerecht sein. 4. Ihr aber habt niemals gezeigt, daß ihr Freundschaft oder Liebe zu Gott, den Propheten und euch selbst habt. Im Gegenteil, es ist klar erwiesen, daß ihr jederzeit Götzendiener waret und die Gerechtigkeit getötet habt, daß ihr sogar an Christus Hand angelegt habt und noch heute in euren Sünden verharrt, daß ihr gerade diejenigen verflucht, welche beweisen, daß der von euch gekreuzigte Jesus der Christus ist. Nicht genug, ihr wollt sogar dartun, daß Jesus gekreuzigt wurde, weil er ein Feind Gottes und ein Verfluchter gewesen sei, während doch die Kreuzigung ein Werk eures Unverstandes ist. 5. Denn obwohl die durch Moses gegebenen Zeichen euch die Erkenntnis nahelegen, daß Jesus der Christus ist, wollt ihr nicht Verstand annehmen. Im Gegenteil! Welche Frage immer euch gerade in den Sinn kommt, die stellt ihr an uns und meint, wir seien es, die in Verlegenheit geraten könnten, während doch ihr die Sprache verliert, sobald ihr mit einem geschulten Christen zusammentrefft.

1: Matth. 22, 40.
2: Vgl. Matth. 22, 37. 39; Mark. 12, 30 f. ; Luk. 10, 27.
3: = Jesus Christus; vgl. 60, 5; 126, 6; 127,4; I. Apol. 6, 2; 63, 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger