Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Justin der Märtyrer († um 165) - Dialog mit dem Juden Trypho (Dialogus cum Tryphone)

67.

1. Tryphon entgegnete: „In der Schrift heißt es nicht: ‚Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären’, sondern: ‚Siehe das junge Weib wird empfangen und einen Sohn gebären’ 1, worauf die Worte folgen, wie du sie zitiert hast. Die ganze Prophetie ist auf Ezechias gesprochen; denn ihm erging es nachweisbar so, wie diese Prophetie berichtet.

2. Übrigens ist in den Mythen der Griechen erzählt, daß Perseus von Danae, einer Jungfrau, geboren worden ist, nachdem Zeus sich auf sie in Gestalt von Gold herabgelassen hatte. Ihr sollt euch schämen, so etwas zu erzählen wie die Griechen. Besser wäre es, ihr würdet von diesem Jesus behaupten, daß er als Mensch von Menschen geboren wurde, und würdet, wenn ihr den Schriftbeweis für seine Messianität gebet, erklären, er sei wegen seines gesetzmäßigen und vollkommenen [S. 109] Lebenswandels zum Christus berufen worden. Zu Wundergeschichten sollt ihr euch jedoch nicht versteigen, um nicht wie die Griechen der Torheit bezichtigt zu werden.“

3. Ich antwortete darauf: „Tryphon, ich möchte, daß du und überhaupt jedermann überzeugt wäre, daß ihr, selbst wenn ihr unter Spott oder Gelächter noch schlimmere Behauptungen aufstellen würdet, mich von meinem Vorhaben nicht abbringen werdet. Vielmehr werden immer gerade jene Erzählungen und Ereignisse, welche euch, wie ihr meint, als Einwand dienen, mir - neben den Zeugnissen der Schrift - Bestätigungen für meine Behauptungen sein. 4. Gewiß handelst du nicht richtig und nicht aus Wahrheitsliebe, wenn du versuchst, auch die stets von uns gemeinsam vertretene Anschauung, daß manche Gebote wegen der Hartherzigkeit eures Volkes von Moses gegeben worden seien, aufzugeben. Denn für den Fall, daß seine Messianität überhaupt bewiesen werden könnte, hast du behauptet, er wäre wegen seines gesetzmäßigen Wandels erwählt und Christus geworden.“

5. Tryphon: „Du hast ja uns zugegeben, 2 daß Jesus beschnitten wurde, und daß er die übrigen Gesetzesvorschriften des Moses beobachtete.“

6. Ich entgegnete: „Ich habe es zugegeben und gebe es zu. Doch habe ich nicht zugegeben, daß Jesus alles auf sich genommen hat, um durch das Gesetz gerecht zu werden; ich habe vielmehr erklärt, daß er den Heilswillen seines Vaters, des Weltschöpfers, Herrn und Gottes, erfüllte. Auch bekenne ich nämlich, daß er es auf sich nahm, den Kreuzestod zu sterben, Mensch zu werden und alles zu erdulden, was eure Volksgenossen ihm aufgelegt hatten. 7. Da du, Tryphon, nicht mehr dem zustimmst, was du zuerst zugegeben hast, so antworte mir: Haben die Gerechten und Patriarchen vor Moses, die doch nichts von all den nach dem Schriftzeugnisse zum ersten Male durch Moses erlassenen Geboten beobachtet haben, das Heil im Erbe der Seligen erlangt? Ja oder nein?“

[S. 110] 8. Tryphon versetzte: „Die Schrift zwingt mich zur Antwort: ja.“

Ich fuhr fort: „Noch eine andere ähnliche Frage richte ich an dich: Hat Gott euren Vätern die Opfer und Gaben verordnet, weil er ihrer bedurfte, oder wegen ihrer Hartherzigkeit und ihres Verlangens nach Götzendienst?“

„Auch in diesem Punkte“, erklärte er, „müssen wir der Schrift nachgeben.“

9. Ich frage: „Hatte die Schrift auch schon hingewiesen auf Gottes Erklärung, er werde neben dem auf dem Berge Horeb geschlossenen Bunde noch einen neuen schließen? 3 Auch dies bejahte er. Ich stellte die weitere Frage: „Wurde mit euren Vätern der Alte Bund unter Furcht und Zittern abgeschlossen, so daß sie Gott nicht einmal hören konnten?“ 4. Jener gab es zu.

10. Ich bemerkte: „Gott hat also einen anderen Bund von neuer Art versprochen und hat jenen erklärt, daß derselbe ohne Furcht und Zittern und ohne Blitze eingeführt würde. Dieser Bund zeigt, welche Gebote und Handlungen nach Gottes Anschauungen ewigen Wert haben und für jedes Volk passen, und welche Gott - auch durch die Propheten verkündet er hierüber - mit Rücksicht auf die Hartherzigkeit eures Volkes, nach der er sich richtete, befohlen hatte.“

11. Er erwiderte: „Wer die Wahrheit liebt und nicht streitsüchtig ist, muß auch hierin vollständig beistimmen.“

Ich antwortete: „Das verstehe ich nicht, wie du anderen Streitsucht vorwirfst, während du selbst offenkundig wiederholt in Streitsucht verfielst, da du wiederholt das widerriefst, was (schon) deinen Beifall gefunden hatte.“

1: Vgl. oben Kap 43, 8.
2: Von einem solchen Eingeständnis des Justin ist jedoch im Vorhergehenden nirgends die Rede.
3: Vgl. Jer. 31, 31.
4: Vgl. Exod. 19, 16-18; 20, 18-19; Hebr. 12, 18-19.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung

Navigation
. . Mehr
. . 59.
. . 60.
. . 61.
. . 62.
. . 63.
. . 64.
. . 65.
. . 66.
. . 67.
. . 68.
. . 69.
. . 70.
. . 71.
. . 72.
. . 73.
. . 74.
. . 75.
. . Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger