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Justin der Märtyrer († um 165) - Dialog mit dem Juden Trypho (Dialogus cum Tryphone)

56.

1. Moses nun, der selige und treue Diener Gottes 1, berichtet 2: Gott war es, der bei der Eiche von Mambre dem Abraham erschien in Begleitung der beiden Engel, die mit ihm zum Strafgericht Sodomas ausgeschickt wurden von dem anderen Gotte, welcher stets über den Himmeln bleibt, welcher nie jemandem erschien und nie in eigener Person mit jemandem verkehrte, und in welchem wir den Weltschöpfer und Vater [S. 85] erkennen. 3 2. Er erzählt nämlich also: ‚Es erschien ihm aber Gott bei der Eiche von Mambre, als er um Mittag an der Türe seines Zeltes saß. Er erhob seine Augen und schaute und siehe: drei Männer standen nahe bei ihm. Als er sie sah, verließ er die Türe seines Zeltes, eilte ihnen entgegen, fiel vor ihnen auf die Erde nieder und sprach’ 4 und so weiter bis: ‚Abraham aber machte morgens sich auf an den Ort, wo er vor dem Herrn gestanden war, und er richtete seinen Blick nach Sodoma und Gomorrha und die umliegende Gegend und schaute und siehe: eine Flamme stieg auf von der Erde wie der Rauch eines Ofens’ 5.“

Am Schlusse des Zitates fragte ich sie, ob sie die Worte bekannt hätten.

3. Sie antworteten, gekannt hätten sie die zitierten Worte schon, aber durch dieselben könne nicht bewiesen werden, daß es außer dem Weltschöpfer noch einen anderen Gott oder Herrn gebe, oder daß der Heilige Geist einen solchen erwähnt habe.

4. Ich entgegnete: „Die Schrift kennt ihr. Nun will ich versuchen, euch zu überzeugen von meiner Behauptung, es stehe unter dem Weltschöpfer noch ein anderer Gott und Herr, von ihm werde auch Erwähnung getan, und er werde Engel genannt, weil er den Menschen verkünde, was der Weltschöpfer, über dem kein anderer Gott steht, denselben verkünden will.“

Noch einmal zitierte ich die oben erwähnten Worte [S. 86] und fragte Tryphon: „Glaubst du, daß Gott dem Abraham unter der Eiche von Mambre erschienen ist, wie es der Logos erzählt?“ „Ganz gewiß!“ versetzte jener.

5. „War er“, fragte ich, „einer von jenen drei Männern, welche, wie der Heilige Geist in der Prophetie berichtet, dem Abraham erschienen sind?“ Jener: „Nein, sondern Gott war ihm erschienen, bevor die drei Männer kamen. Daher waren Engel jene drei, welche der Logos als Männer bezeichnet, und von denen zwei zur Vernichtung Sodomas entsandt wurden, während einer von ihnen der Sara die frohe Botschaft brachte, sie werde einen Sohn erhalten; das war der Grund seiner Mission, nach deren Entledigung er sich entfernt hatte.“

6. Ich entgegnete: „Ist denn nicht der eine von den dreien, welcher im Zelte war, und welcher die Worte sprach: ‚Auf die Stunde werde ich wieder zu dir kommen, und Sara wird einen Sohn haben’ 6, dann, als Sara den Sohn erhielt, tatsächlich wiedergekommen, und bezeichnet denn nicht auch bei dieser Gelegenheit der in der Prophetie sprechende Logos ihn als Gott? Damit ihr jedoch meine Behauptung versteht, vernehmet die klaren Worte des Moses. 7. Sie lauten 7: ‚Als Sara sah, daß der Sohn der ägyptischen Sklavin Hagar, der dem Abraham geboren wurde, mit Isaak, ihrem eigenen Sohne, spielte, sagte sie zu Abraham: Verstoße diese Sklavin und ihren Sohn; denn nicht soll der Sohn dieser Sklavin mit meinem Sohne Isaak erben. Gar hart jedoch erschien dem Abraham das Wort, welches über seinen Sohn gefällt wurde. Gott aber sprach zu Abraham: Nicht hart soll dir sein das Wort, welches über deinen Sohn und die Sklavin gefällt wurde! Höre auf jedes Wort, das Sara zu dir sprach; denn nach Isaak soll deine Nachkommenschaft genannt werden.’ 8. Seht ihr nun ein, daß nach der Schrift der, welcher vorherwußte, daß Abraham Rat brauchte bei den Wünschen der Sara, und deshalb seinerzeit unter der Eiche von seiner Wiederkunft sprach, noch einmal [S. 87] gekommen ist? Und seht ihr ein, daß er Gott ist gemäß den Worten: ‚Gott sprach zu Abraham: Nicht hart soll dir das Wort, welches über deinen Sohn und die Sklavin gefällt wurde’?“ So fragte ich.

9. Und Tryphon antwortete: „Ganz gewiß! aber damit hast du nicht bewiesen, daß es außer diesem Gott, welcher dem Abraham erschien, und welcher auch den übrigen Patriarchen und Propheten sich offenbart hatte, noch einen anderen Gott gibt. Du hast vielmehr bewiesen, daß wir im Unrecht waren mit der Annahme, die drei Personen, welche bei Abraham im Zelte waren seien lauter Engel gewesen.“

10. Ich entgegnete: „Wenn ich nun auch nicht aus der Schrift euch beweisen könnte, daß der eine von jenen dreien nicht nur Gott ist, sondern auch Engel genannt wird, so solltet ihr deshalb, weil der, welcher auf Erden in der Gestalt eines Mannes, ähnlich den ihn begleitenden beiden Engeln, dem Abraham erschien, die Botschaft des Gottes und Weltschöpfers wie erwähnt an die von diesem gewünschten Personen brachte, in demselben das erkennen, was euer ganzes Volk in ihm erkennt, wenngleich er Gott war vor der Weltschöpfung“ 8.

„Sicherlich!“ sagte er. „Denn schon bisher hatten wir dies angenommen“ 9.

11. Ich versetzte: „Ich will zur Schrift zurückkehren und versuchen, euch zu überzeugen, daß der, von dem gesagt wird und geschrieben ist, daß er dem Abraham, Jakob und Moses erschienen sei, ein anderer Gott ist als der Gott, welcher die Welt erschaffen hat, ich meine: ein anderer der Zahl nach, nicht im Denken 10. [S. 88] Denn ich behaupte, er hat nie etwas getan oder geredet, als was von ihm der Weltschöpfer, über dem kein anderer Gott existiert, gewollt hat“ 11.

12. Tryphon: „Beweise uns nun, daß er existiert, damit wir auch hierin eins sind! Denn das glauben wir, daß du nicht behauptest, er rede etwas ohne Einverständnis des Weltschöpfers, oder er habe ohne dasselbe etwas getan oder gesprochen.“

Ich erklärte: „Die Schrift, welche ich vorhin zitiert habe, wird euch nun das klar machen. Es heißt da 12: ‚Die Sonne ging auf über die Erde, und Lot kam nach Segor. Der Herr ließ über Sodoma Schwefel und Feuer vom Herrn vom Himmel regnen und zerstörte diese Städte und die ganze Umgebung’.“

13. Der vierte von den Begleitern des Tryphon bemerkte: „Sowohl den einen von den beiden nach Sodoma ziehenden Engeln, welchen der Logos durch Moses auch als Herrn bezeichnete, als auch den, der dem Abraham erschien, muß man also Gott nennen.“

14. Ich fuhr fort: „Nicht nur wegen der erwähnten Worte müßte man vollauf zugeben, daß der Heilige Geist außer dem, der als Weltschöpfer anerkannt wird, noch jemand anderen als Herrn bezeichnet. Er tut es nicht nur durch Moses, sondern auch durch David. Dieser hat nämlich gesagt 13: ‚Es spricht der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache!’ Worte, die ich oben zitiert habe. An anderer Stelle wiederum sagt er 14: ‚Dein Thron, o Gott, ist in Ewigkeit der Ewigkeit. Ein Szepter der Gerechtigkeit ist das Szepter Deiner Herrschaft. Du liebtest Gerechtigkeit und haßtest das Unrecht; darum hat Dich, o Gott, Dein Gott mit Öl der Freude gesalbt vor Deinen Genossen.’

15. Behauptet ihr nun, der Heilige Geist bezeichne außer dem Vater der Welt und seinem Christus noch [S. 89] jemand anderen als Gott und Herrn? 15 Antwortet mir! Ich aber verspreche euch, gerade aus der Schrift zu beweisen, daß keiner von den beiden Engeln, welche nach Sodoma gingen, von der Schrift Herr genannt wurde, sondern deren Begleiter, welcher dem Abraham erschien und als Gott bezeichnet wird.“

16. Tryphon: „Gib den Beweis! Denn, wie du siehst, neigt sich der Tag. Auch sind wir nicht vorbereitet für Antworten, die mit soviel Schwierigkeiten verbunden sind, da wir noch nie jemanden gehört haben, der sich mit der Prüfung, Untersuchung und dem Beweise solcher Lehren befaßt hätte. Wir würden aber nicht auf deine Worte achten, wenn du nicht in allem auf die Schrift zurückgingest. Doch du bemühst dich ja, in deinen Beweisen von ihr auszugehen; auch erklärst du, daß es keinen Gott gibt, der über dem Weltschöpfer steht.“

17. Ich entgegnete: „Ihr wißt nun, daß die Schrift sagt 16: ‚Der Herrr sprach zu Abraham: Warum hat Sara gelacht und gesagt: Werde ich wirklich gebären, obwohl ich eine Greisin bin? Ist denn bei Gott etwas unmöglich? Zur festgesetzten Zeit werde ich wieder zu dir kommen auf die Stunde, und Sara wird einen Sohn haben.’ Und gleich darauf fährt die Schrift weiter 17: ‚Die Männer erhoben sich daselbst und wandten ihren Blick gegen Sodoma und Gomorrha. Abraham aber ging mit ihnen und gab ihnen das Geleite. Der Herr aber sprach: Fürwahr, nicht will ich vor Abraham, meinem Knechte, verheimlichen, was ich tue.’ 18. Und alsbald fährt die Schrift wieder also fort 18: ‚Der Herr sprach: Das Geschrei über Sodoma und Gomorrha hat sich vermehrt, und ihre Sünden sind gar groß. Ich will nun hingehen und schauen, ob ihr Handeln dem Geschrei, das über sie gemacht wird, und das zu mir gekommen ist, entspricht oder nicht. Ich will [S. 90] es wissen. Und die Männer gingen von dannen und kamen nach Sodoma. Abraham aber blieb vor dem Herrn, und er trat zu ihm und sprach: Du wirst doch nicht den Gerechten zugleich mit dem Sünder vernichten? usw.’.“

Ich will 19 nämlich nicht, da der ganze Abschnitt bereits oben niedergeschrieben ist 20, mich wiederholen; ich erachte es für notwendig, (nur) das zu erwähnen, wodurch ich dem Tryphon und seinen Genossen den (gewünschten) Beweis gegeben habe.

19. Sodann ging ich auf die folgenden Stellen über, wo es heißt 21: „ ‚Als der Herr seine Worte an Abraham beendet hatte, ging er fort, und Abraham kehrte zurück an seinen Wohnort. Die beiden Engel aber kamen abends nach Sodoma. Lot aber saß am Tore von Sodoma. … Die Männer streckten ihre Hand aus, zogen Lot zu sich ins Haus hinein und schlossen die Türe des Hauses ab. … Die Engel nahmen ihn, sein Weib und seine Töchter an der Hand, da der Herr ihn verschonte. 20. Als sie dieselben hinausgeführt hatten, sagten sie: Rette doch dein Leben! Schaue nicht um und bleibe in der ganzen Umgebung nicht stehen! Rette dich ins Gebirge, auf daß du nicht mit umkommst! Lot entgegnete ihnen: Ich bitte, Herr, denn dein Knecht hat Gnade vor dir gefunden und groß ist deine Gerechtigkeit geworden, soferne du mich am Leben erhältst. Aber nicht kann ich mich ins Gebirge retten; denn ich fürchte, es möchte mich Unheil ereilen und ich möchte sterben. 21. Siehe, hier die kleine Stadt! Nicht weit ist es, dahin zu fliehen. Dort werde ich Rettung finden, da sie klein ist, und ich werde am Leben bleiben. Er sprach zu ihm: Siehe, deinetwegen nehme ich auch darauf [S. 91] Rücksicht, so daß ich die Stadt, von der du sprachst, nicht zerstöre. Rette dich eilends dahin! Denn erst, wenn du dort angekommen bist, werde ich handeln können. Daher gab er der Stadt den Namen Segor. Als die Sonne über der Erde aufgegangen war, kam Lot nach Segor. Der Herr ließ über Sodoma und Gomorrha Schwefel und Feuer herabregnen vom Herrn vom Himmel und zerstörte diese Städte und die ganze Umgebung’.“

22. Zum Schlusse fügte ich noch bei: „Meine Freunde! Sehet ihr jetzt nicht ein, daß die eine von den drei Personen, welche Gott und Herr ist und welche dem dient, der in den Himmeln wohnt, Herr der beiden Engel ist? Als sie nach Sodoma gingen, blieb er zurück und richtete an Abraham die von Moses geschriebenen Worte; nach der Unterredung entfernte auch er sich, während Abraham, an seinen Wohnort zurückkehrte. 23. Nach seiner Ankunft sprechen nicht mehr die zwei Engel zu Lot, sondern er selbst, wie der Logos kundtut. Er ist der Herr, der vom Herrn im Himmel, das ist vom Weltschöpfer den Auftrag erhielt, an Sodoma und Gomorrha das zu tun, wovon der Logos erzählt, indem er berichtet: ‚Der Herr ließ über Sodoma und Gomorrha Schwefel und Feuer regnen vom Herrn vom Himmel’ 22.“

1: Vgl. Num 12, 7.
2: Gen. 18, 1 ff.
3: Der Gott, welcher im Alten Bunde sich den Patriarchen und Propheten geoffenbart hat, ist nach Justin nicht der Vater, sondern der Logos. Jener offenbarte sich in der Welt nur mittelbar durch den Logos, seinen Sohn, welchen er vor aller Schöpfung ‚erschaffen’ hat. Justin zeigt in diesen Ideen eine gewisse Abhängigkeit von Plato, dem er auch den Ausdruck ποιητὴς τῶν ὃλων καὶ πατήρ entlehnt hat. Vgl. J.M. Pfättisch, Der Einluß Platos auf die Theologie Justins des Märtyrers (Paderborn 1910). Lagrange scheint den Einfluß Platos zu verkennen, wenn er von Justin schreibt: „S’il a paru assez souvent subordonner le fils au pere, c’est sous l’influence d’un texte biblique mal traduit en grec, et d’une theorie exegetique peu sure a propos des apparitions de l’Ancien Testament“ (Saint Justin IX).
4: Gen. 18, 1-3.
5: Gen. 19, 27. 28.
6: Gen. 18, 14.
7: Gen. 21, 912.
8: d.h.: der, welcher die oben erwähnten Worte zu Abraham sprach, ist Gott, aber er ist zugleich auch Engel oder Bote und als solcher ein Beweis für die Existenz dessen, von dem er gesandt wurde, d.i. des „anderen Gottes“, nach dem Tryphon gefragt hatte.
9: nämlich daß er Engel Gottes ist.
10: ἀριθμῷ, ἀλλὰ οὐ γνώμῃ. Justin will sagen, der Logos sei Person und der Vater sei Person, beide seien aber eins im Denken und Wollen. Unsere theologischen Termini Person oder Hypostase und Natur hatte Justin noch nicht; sie haben sich erst in späteren christologischen Streitigkeiten herausgebildet.
11: Vgl. Joh. 12, 49.
12: Gen. 19, 23-25.
13: Ps. 109, 1.
14: Ebd. 44, 7f.
15: So fragt Justin mit Rücksicht auf die 56, 13 von einem Begleiter des Tryphon gegebene Bemerkung.
16: Gen. 18,13 f.
17: Gen. 18,16 f.
18: Ebd. 18, 20-23.
19: Justin wendet sich hier nicht mehr an Tryphon und dessen Freunde, sondern an die Leser bezw. an Markus Pompejus, dem der Dialog gewidmet ist.
20: Die ganze Genesis-Stelle, auf welche hier verwiesen ist, muß 56,2 getanden sein. In dem überlieferten Texte findet sie sich nicht mehr. Ein Abschreiber, dem es zuviel war, Gen 18,1 - 19,28 vollständig zu zitieren, hat abgekürzt und sich mit der Formel καί τὰ λοιπὰ μέχρι τοῦ … begnügt.
21: Gen. 18,33 u. 19,1. 10. 16-25.
22: Vgl. Irenäus, Apostol. Verkündig. 44; Gegen die Häresien III. 6,1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger