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Justin der Märtyrer († um 165) - Dialog mit dem Juden Trypho (Dialogus cum Tryphone)

46.

1. Tryphon fragte mich: „Ist aber auch dann Rettung möglich, wenn jemand in der jetzigen Zeit noch die Verordnungen des Moses in seinem Leben beobachten will, obwohl er an unseren gekreuzigten Jesus glaubt und es erkennt, daß er der Christus Gottes ist, daß ihm das Gericht über gar alle gegeben ist, und daß das ewige Reich ihm gehört?“

2. Ich antwortete: „Wollen wir miteinander auch diese Frage prüfen, ob man jetzt noch alle Verordnungen des Moses beobachten kann!“ Jener entgegnete: „Doch nicht! Denn wir wissen, daß, wie du sagtest 1, nur in Jerusalem das Osterlamm und die zur Fastenzeit vorgeschriebenen Böcke geopfert werden können, daß auch nur da alle übrigen Opfer samt und sonders möglich sind.“

„Sage mir, bitte, welche Verordnungen nun noch beobachtet werden können! Denn davon wirst du dich überzeugen, daß die Verordnungen, welche ewigen Wert haben, beobachtet und durchgeführt werden müssen, wenn einer überhaupt gerettet werden will“ 2

[S. 69] Tryphon: „Ich meine die Sabbatfeier, die Beschneidung, die Beobachtung der Monate und die Reinigung dessen, der etwas berührt, was Moses verboten hat, oder der geschlechtlichen Umgang gepflogen hat.“

3. Ich erklärte: „Glaubet ihr, daß am Heile auch Anteil haben werden Abraham, Isaak, Jakob, Noe, Job oder wer sonst noch vor oder nach diesen ebenfalls gerecht geworden ist, ich meine: Sara, das Weib des Abraham, Rebekka, das des Isaak, Rachel, das des Jakob und Lea sowie die anderen, ihnen gleichgesinnten Frauen bis zur Mutter des treuen Dieners Moses? Sie haben doch keineswegs die genannten Gebote beobachtet.“

Tryphon antwortete: „Waren nicht Abraham und seine Nachkommen beschnitten worden?“

4. Ich entgegnete: „Ich weiß, daß Abraham und seine Nachkommen beschnitten worden waren. Warum aber ihnen die Beschneidung gegeben wurde, habe ich im vorhergehenden wiederholt gesagt 3. Wenn euch meine Worte nicht lästig fallen, wollen wir die Frage noch einmal untersuchen. Ihr wißt doch, daß bis Moses kein einziger Gerechter irgendeines der in Frage kommenden Gebote beobachtete oder erhielt; eine Ausnahme machte die Beschneidung, da sie mit Abraham begann.“

Tryphon bemerkte: : „Wir wissen es und geben ihre Seligkeit zu.“

5. Ich wiederum sagte: „Bedenket, daß Gott alle Gebote von der erwähnten Art durch Moses wegen der Hartherzigkeit eures Volkes erlassen hat! Er wollte, daß diese vielen Gebote euch veranlassen, bei allem Tun Gott stets vor Augen zu haben und euch von Unrecht und Gottlosigkeit fernzuhalten. Wenn er nämlich euch befahl, Zizith von Purpur zu tragen 4, so tat er es, damit ihr Gott nicht vergesset; wenn er von euch die Tephillin mit den auf feinste Blätter geschriebenen [S. 70] Buchstaben - ein großes Heiligtum nach unserer Auffassung – verlangte 5, so wollte er euch dazu bewegen, stets an Gott zu denken, und wollte zugleich euch den Vorwurf machen, daß ihr in eurem Herzen nicht im geringsten an Gottesfurcht denkt. 6. Trotz allem ließt ihr euch nicht dazu bestimmen, keinen Götzendienst zu treiben. Vielmehr, als Gott zur Zeit des Elias die Zahl derer zählte, die ihr Knie nicht vor der (Göttin) Baal beugten, nannte er siebentausend 6, und im Buche Isaias 7, wirft er euch vor, daß ihr sogar eure Kinder den Götzen zum Opfer gebracht habt. 7. Wir dagegen opfern nicht deren, welchen wir dereinst geopfert haben, und wenn wir dafür aufs schwerste bestraft werden, leiden wir mit Geduld und freuen uns noch am Tode; denn wir glauben, daß Gott uns durch seinen Christus auferwecken und uns Unvergänglichkeit, Leidensunfähigkeit und Unsterblichkeit verleihen wird. Wir erkennen es, daß neben Gerechtigkeit und Gottesfurcht die Verordnungen, welche wegen der Herzenshärte eures Volkes erlassen worden sind, keinen Wert haben.“

1: 40, 2.
2: Ich lese mit Thirlby: ἐκ παντὸς οὐκ (οὐκ fehlt in den Handschriften) ἔχει.
3: Vgl. 16, 2; 28, 4.
4: Die Zizith waren Quasten oder Fransen, welche auf Grund der Verordnung Num. 15, 37 ff; Deut. 22, 12 jeder Israelit an den vier Zipfeln seines Obergewandes zu tragen hatte.
5: Die Tephillin oder Gebetsriemen hatte jeder männliche Israelite beim Morgengebet (mit Ausnahme des Sabbats und der Festtage) anzulegen. Ihr Gebrauch gründet sich auf die Stellen Exod. 13, 9. 16; Deut. 6, 8; 11, 18. Es gab deren zwei: die Tephillin für den Arm und die für das Haupt. Jene bestanden in einer kleinen würfelförmigen Hohlkapsel aus Pergament, in welcher ein Pergamentröllchen lag, auf dem die Stellen Exod. 13,1-10; 13.11-16; Deut. 6,4-9; 11,13-21 geschrieben waren. Sie wurden mittels eines durchgezogenen Riemens an den linken Oberarm befestigt. Die Tephillin für das Haupt betanden in einer Kapsel von derselben Art, waren aber dadurch von jenen verschieden, daß sie in vier Fächer geteilt waren und die genannten vier Bibelstellen auf vier Pergamentröllchen enthielten.
6: 3 Kön. 19, 18..
7: 57, 4. 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger