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Justin der Märtyrer († um 165) - Dialog mit dem Juden Trypho (Dialogus cum Tryphone)

3.

1. In dieser Lage faßte ich einmal den Entschluß, völlige Ruhe zu genießen und der Menschen Pfad zu meiden 1, und so ging ich an einen Platz in der Nähe des Meeres. Als ich mich aber jenem Orte, wo ich für mich sein wollte, näherte, folgte mir in geringer Entfernung ein alter Mann von gewinnendem Äußeren [S. 5] und von mildem, ernstem Charakter. Ich wandte mich zu ihm um, blieb stehen und schaute ihn scharf an.

2. ,Kennst du mich’, fragte er. Ich verneinte es. ,Warum’, versetzte er, ‚schaust du mich so an?’ Ich antwortete: ,Es fällt mir auf, daß du zufällig am gleichen Ort mit mir zusammentriffst; denn ich erwartete, niemanden hier zu sehen.’ Er entgegnet: ,Um Verwandte bin ich besorgt, welche im Auslande sind. Ich gehe nun, nach ihnen auszuschauen; vielleicht sind sie schon irgendwo zu sehen. Warum aber’, fährt er fort, ,bist du hier?’ ,Ich habe,’ versetzte ich, ,an solchem Zeitvertreib meine Freude. Ich kann mich nämlich ungestört mit mir selbst unterhalten; solche Gegend ist ja ganz wie geschaffen für den, der philosophische Gespräche liebt.’

3. ,Das Wort liebst du also’, fragte er, ,und nicht die Tat und die Wahrheit? Suchst du nicht lieber ein praktischer Mensch zu sein als ein Sophist?’ Ich erwiderte: ,Gibt es einen höheren Beruf als zu zeigen, daß das Wort alles regiert, und dasselbe zu erfassen und von ihm sich leiten zu lassen, um einzusehen, daß die Mitwelt irrt und bei ihrem Treiben nichts tut, was gesund und Gott angenehm ist? Ohne Philosophie und ohne richtige Unterredung besitzt niemand Verständnis. Daher soll jeder Mensch philosophieren und diesen Beruf für den höchsten und ehrwürdigsten halten. Das übrige muß in zweiter und dritter Linie kommen; wenn es sich an die Philosophie anschließt, hat es seinen beschränkten Wert und verdient Annahme; fehlt sie jedoch und begleitet sie nicht die, welche sich mit dem übrigen befassen, dann ist es lästig und gemein.’

4. ‚Bewirkt also Philosophie Glück?’ versetzte jener. ‚Ganz gewiß! und zwar sie allein’, war meine Antwort. ,Was ist denn Philosophie’, fragt er, ,und welches ist das Glück, das sie verleiht? Sage es mir, vorausgesetzt daß du nicht gehindert bist, dich zu unterhalten!’ Ich erklärte: ‚Philosophie ist das Wissen dessen, [S. 6] was ist, und das Erkennen des Wahren. Das Glück aber ist der Lohn dieses Erkennens und dieser Weisheit.’

5. ,Was aber nennst du Gott?’ fragte er. ,Das Wesen, welches immer in gleicher Weise dasselbe ist, und welches die Ursache des Seins für alles übrige bildet, das ist Gott.’ So lautete meine Antwort. Er aber hatte seine Freude an meinen Worten und stellte von neuem an mich eine Frage. ,Ist Wissen nicht eine gemeinsame Bezeichnung für die verschiedenen Dinge? Bei allen Künsten nämlich ist es so, daß der, welcher eine derselben versteht, als Wissender gilt: in gleicher Weise bei der Kriegskunst, bei der Nautik, bei der Medizin. Wenn es sich aber um Gott und Mensch handelt, ist es nicht so. Gibt es ein Wissen, das Erkenntnis der Menschheit und Gottheit selbst verleiht, sodann Erkenntnis des Göttlichen und Sittlichen in ihr?’ Ich bejahte es.

6. ,Das Wissen, welches sich auf Mensch und Gott bezieht, ist also das gleiche wie dasjenige, welches sich auf Musik, Arithmetik, Astronomie oder dergleichen bezieht?’ ‚Durchaus nicht’, antwortete ich. Jener: ,Also hast du mir keine richtige Antwort gegeben. Denn teils eignen wir uns das Wissen an durch Lernen oder irgendwelche Beschäftigung, teils gibt es uns Erkenntnis durch das Schauen. Wenn dir jemand erzählen würde, daß es in Indien ein Tier gäbe, das keinem anderen ähnlich ist, sondern dieses oder jenes Aussehen hat, vielgestaltig und vielfarbig ist, so würdest du nichts davon wissen, bevor du es siehst, aber auch nicht darüber sprechen können, ohne einen Augenzeugen gehört zu haben.’

7. ,Nein’, versetze ich. ,Wie nun’, fuhr er fort, ,können die Philosophen richtige Gedanken über Gott fassen oder etwas Wahres über ihn aussagen, wenn sie ihn niemals sehen oder hören und also keine Kenntnis von ihm haben?’ ‚Doch, Vater’, wandte ich ein, ,sie können das Göttliche nicht wie die anderen Lebewesen mit den Augen sehen, sondern nur mit der Vernunft erfassen. So lehrt Plato, und ich folge ihm.’

1: Vgl. Homer, Ilias VI 202.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger