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Justin der Märtyrer († um 165) - Dialog mit dem Juden Trypho (Dialogus cum Tryphone)

112.

1. Wenn ihr, denen zur Auslegung der erwähnten Schriftstellen der weite Blick fehlt, dieselben so oberflächlich aufnehmet und nicht auf den Kern der Worte eindringet, dann findet ihr an Gott viele Schwächen. Dann könnte ferner auch Moses der Gesetzesübertretung beschuldigt werden. Denn obwohl dieser verboten hatte, von irgend etwas, sei es im Himmel oder auf der Erde oder auf dem Meere, ein Abbild herzustellen 1 so machte er doch später selbst die eherne Schlange, brachte sie an einem Kreuze an und befahl, diejenigen, welche gebissen worden seien, sollen auf dieselbe schauen. Die es taten, wurden gesund. 2. Wird man nun annehmen, daß das Volk damals durch die Schlange gerettet worden war, welche, wie ich schon sagte 2, von Gott im Anbeginn verflucht wurde 3, und welche er nach einem Worte des Isaias 4 mit dem [S. 181] großen Schwerte vernichten wird? Sollen wir, statt solche Bibelstellen in ihrer symbolischen Bedeutung zu nehmen, dieselben gleich euren Lehrern so töricht auffassen? Sollen wir nicht vielmehr das Kreuz (der ehernen Schlange) in Beziehung zu Jesus dem Gekreuzigten bringen, zumal da auch euer Volk seinen Sieg dem Umstande verdankte, daß Moses seine Hände ausstreckte und der Name Jesus (dem Sohne des Nave) gegeben wurde? 3. Tun wir das, dann wird uns nämlich die Geschichte des Gesetzgebers keine Schwierigkeit mehr machen. Er hat sich ja nicht von Gott abgewendet und dem Volke zugeredet, es solle seine Hoffnung auf das Tier setzen, durch welches Sünde und Ungehorsam seinen Anfang genommen haben. In dem, was da der selige Prophet tat und sprach, liegt viel Weisheit und ein großes Geheimnis. Auch an dem, was alle Propheten überhaupt gesprochen und getan haben, läßt sich nichts mit Grund beanstanden, sofern ihr den Sinn, der darin liegt, erfaßt habt.

4. Wenn eure Lehrer, soviel ihrer sind, euch nur darüber aufklären, warum es an dieser oder jener Stelle nicht heißt ‚weibliche Kamele’ 5, oder was die weiblichen Kamele, welche erwähnt werden, bedeuten sollen 6, oder warum soundso viel Maß Mehl und soundso viel Maß Öl geopfert werden, wenn sie dazu noch in ihren Erklärungen Beschränktheit und Erdensinn verraten, wenn sie sich niemals an die Besprechung und Darlegung der großen Gedanken wagen, welche einer Untersuchung wert sind, oder auch wenn sie euch auffordern, ja nicht auf unsere Erklärungen zu hören und euch nicht in eine Unterredung mit uns einzulassen 7, geschieht es ihnen dann nicht recht, wenn sie die Worte zu hören bekommen, welche unser Herr Jesus Christus an sie gerichtet hat: ‚Ihr übertünchten Gräber, die ihr außen schmuck erscheint und innen voll [S. 182] Totengebein seid!’ 8. ‚Die Minze verzehntet ihr, schluckt aber das Kamel hinunter, ihr Blindenführer!’ 9. 5. Ihr müßt also erst die Lehren derer verachten, die sich selbst erhöhen und Rabbi, Rabbi genannt werden wollen 10, ihr müßt mit solcher Entschlossenheit und solchem Geiste an die Worte der Propheten herantreten, daß ihr von den Eurigen das gleiche erduldet wie die Propheten selbst, erst dann könnt ihr Nutzen aus den Propheten ziehen.

1: Vgl. Exod. 20, 4.
2: 91, 4.
3: Vgl. Gen. 3, 14.
4: 27, 1.
5: Vgl. Gen. 32, 15.
6: R. Simon, Ben Gamaliel, ein Zeitgenosse des Justin, erklärte, die Kamele würden nur als weibliche bezeichnet, weil diese Tiere bei der Begattung sehr keusch wären.
7: Vgl. 38, 1.
8: Matth. 23, 27.
9: Vgl. Ebd. 23, 23 f.
10: Vgl. Ebd. 23, 6 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger