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Chrysostomus († 407) - Über das Priestertum (De sacerdotio libri I-VI)
3. Buch

KAPITEL IX.

In erster Linie ist zu nennen als die gefährlichste von allen die Klippe der Ehrsucht, verderbenbringender als die Klippen1, von denen die Sagendichter2 zu fabulieren wissen. Viele haben allerdings die Kraft besessen, an dieser Klippe glücklich vorbeizuschiffen und unversehrt zu entrinnen; für mich aber ist die Ehrsucht etwas so Gefährliches, daß nicht einmal jetzt, wo doch nicht die geringste Notwendigkeit mich jenem Abgrunde zutreibt, ich mich von dieser unseligen Leidenschaft rein zu halten vermag. Wenn man nun mir gar dieses hohe Amt anvertrauen würde, so bedeutete das ungefähr ebensoviel, als man bände mir beide Hände auf den Rücken und lieferte mich den auf jener Klippe hausenden wilden Tieren aus, um mich täglich von ihnen zerfleischen zu lassen. Was sind das jedoch für Tiere?

Zorn, Mutlosigkeit, Neid, Zank, Verleumdungen und andere Beschuldigungen, Lüge, Heuchelei, hinterlistige Nachstellungen, Verwünschungen3 gegen Menschen, die uns gar kein Unrecht zugefügt haben, Schadenfreude über das ungebührliche Benehmen der Mitpriester, Trauer über glückliche Tage des Nebenmenschen, Ruhmbegierde, Ehrsucht — und diese ist es, die vor allem die menschliche Seele sich direkt ins Verderben stürzen läßt —, Unterweisungen, die bloß gerichtet sind auf irdisches Vergnügen, sklavische Schmeicheleien, unwürdige Lobhudeleien, Verachtung der Armen, Wohldienerei gegen die Reichen, unvernünftige Ehrenbezeigungen und schädliche Gunsterweisungen, die in gleicher Weise Gefahr bringen sowohl ihren Urhebern wie ihren Empfängern, knechtische Furcht, wie sie nur den gemeinsten Sklaven eignet, Unterdrückung der Freimütigkeit, auffallend außerer Schein von Demut, die in Wirklichkeit nirgends vorhanden ist. Gänzlich unterläßt man es einzuschreiten und zurechtzuweisen, oder vielmehr man wendet dergleichen nur gegen die niedrigen Volksklassen an, und zwar über das gerechte Maß hinaus, während man denen gegenüber, die mit Macht bekleidet sind, nicht einmal die Lippen zu öffnen wagt. Alle diese Tiere, ja noch mehr der Art nährt jene Klippe, und wer einmal in ihre Klauen geraten ist, der wird unfehlbar in solche Knechtschaft hinabgezogen, daß er sogar den Frauen zu gefallen oftmals vieles tut, was sich nicht einmal schickt, genannt zu werden. Zwar hat das göttliche Gesetz die Frauen von dem Kirchendienst ausgeschlossen 4, aber sie suchen sich gewaltsam einzudrängen, und da sie von sich selbst aus nichts auszurichten vermögen, so setzen sie alles durch andere ins Werk. Ja sie besitzen eine solche Macht, daß sie nach eigenem Gutdünken Priester aufnehmen und absetzen, so daß das Obere nach unten gekehrt wird und deutlich sich hier das Sprichwort bewahrheitet: Die Untergebenen führen ihre Gebieter. Und wenn doch es noch Männer wären! Aber Weiber sind [S. 151] es, denen es nicht einmal gestattet ist, zu lehren 5. Was sage ich, zu lehren? Nicht einmal zu reden 6 in der Versammlung, hat ihnen der selige Paulus erlaubt. Ich habe jedoch jemanden erzählen hören, man habe den Frauen eine solche Redefreiheit gewährt, daß sie den Kirchenvorstehern gar mit Vorwürfen begegnen und sie heftiger anlassen als die Herren ihre eigenen Sklaven.

1: In manchen Ausgaben ist „τῶν Σειρὴνων“ beigefügt.
2: Vgl. Homers Odyssee, XII. Gesang.
3: „εἐχαὶ“. In manchen Ausgaben steht dafür „ὀργαί“.
4: 1 Kor. 14, 34: „Die "Weiber sollen in den Versammlungen schweigen; denn es ist ihnen nicht gestattet, zu reden.
5: 1 Tim. 2, 12: „διδάσκειν“.
6: 1 Kor. 14, 34: „λαλεῖν“.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger